Was ich gerade vermisse – Folge 3: Märkte

Sehnsucht habe ich, Fernweh nach lauter kleinen und großen Dingen und Orten. Ich klicke mich durch meine Fotoalben und schwelge in Reiseerinnerungen. Folge 3: Märkte

Markt, Frau, beladenes Fahrrad, Hoi An, Vietnam
Großeinkauf mit dem Fahrrad: Kein Problem für diese Frau in gelb auf dem Markt von Hoi An, Vietnam

2020 war ein Jahr ohne Flohmärkte. Unvorstellbar. Wie mir das fehlt: Diese Aufregung, diese Neugier, diese Spannung. Jeder Stand ist eine Schatzkiste. Nein, nicht jeder. Wenn ich in Übung bin, erkenne ich die guten Stände schon auf den ersten Blick. Da ist mindestens ein Teil, das meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Eine Farbe, eine Form, ein Material. Manchmal weiß ich, bevor ich auf einen Flohmarkt gehe, was ich suche, das macht es leichter. Gürtel kaufe ich gerne auf dem Lehmweg-Flohmarkt, Taschen auf dem Turmweg-Flohmarkt, Tücher auf allen Flohmärkten in teuren Gegenden. Ist das erste Teil gefunden, ist der Bann gebrochen. Dann weitet sich der Blick. Zeit muss man sich nehmen, herumstöbern, Dinge anfassen, in der Hand hin- und herdrehen. Sich vorstellen, wie sich die Lampe in der eigenen Wohnung macht, zu welcher Gelegenheit man das Hemd tragen würde. Es ist ein Rollenspiel, ein sich in neue Möglichkeiten seiner selbst denken. Ich könnte so viele andere Frauen sein: Hippiesk in dem wallenden Kleid, mondän in den hohen Stiefeln, eine Vielseitigkeitsreiterin mit der Schutzweste – und ist mein Mann wirklich der Bodenvasen-Typ? Ach, wie ich dieses Spiel vermisse.

Auf Wochenmärkte gehe ich zuhause dagegen selten. Der Isemarkt ist zwar verlockend, ich höre mir auch gerne die Anekdoten des leidenschaftlichen Koches A. an, der vom Pilzmann und vom Bürstenmann schwärmt. Aber im Alltag überwältigt mich das Angebot und ich bekomme Entscheidungsschwierigkeiten. Dabei will ich doch nur ein paar Äpfel und vielleicht noch ein Kilo Zwiebeln.

Märkte in anderen Ländern sind etwas ganz anderes. Hier gibt es zwei Aspekte: Es geht mir einerseits darum, zu sehen, was die Menschen, die dort leben, einkaufen. Was für Waren werden angeboten – und wie? Warum gibt es in Myanmar Drogeriewaren in unzähligen winzigen Packungen, die bei uns als Proben verschenkt würden? Wie präsentiert der Gemüsehändler in Mumbai seine Kohlköpfe möglichst attraktiv? (Die Antwort: Als kunstvoll gestapelte Pyramide.) Welche seltsame Flüssigkeit schwappt in den offenen Fässern auf dem Markt bei Bagan? (Vermutlich irgendein Öl, wir wurden uns nicht einig, ob es sich um eine Tankstelle für Mopeds oder um Speiseöl handelte.) Und warum gucken die Verkäuferinnen auf dem Blumenmarkt in Ho Chi Minh Stadt so grimmig?

Der andere Aspekt ist praktischer und egoistischer: Was für ein Souvenir möchte ich mitnehmen? Finde ich etwas, dass das Gefühl dieses Landes, die Stimmung der Reise mit in mein Zuhause trägt? Es muss ein Gebrauchsgegenstand sein, kein nutzloser Schnickschnack. Und es muss in meinen Rucksack passen. Aus dem Bazar von Doha hätte ich gerne einen von diesen gigantischen Töpfen, in denen man für eine Hochzeitsfeier ein ganzes Kamel schmoren kann, mitgenommen. Nicht, dass ich vorhabe, jemals ein Kamel zu schmoren. Aber ich möchte für alle Eventualitäten gerüstet sein. Und gerne mal wieder ein paar Leute einladen und bekochen. Womit wir aber schon bei der nächsten Folge wären: Dem Essen.

Ben Thanh Markt, Ho Chi Minh Stadt, Vietnam

Schmuckverkäufer zwischen Perlenketten, Ben Thanh Market, Ho Chi Minh Stadt, Vietnam
Kette gefällig? Der Schmuckverkäufer auf dem Ben Thanh Markt in Ho Chi Minh Stadt hält unauffällig nach Kundschaft Ausschau

In der 10.000 Quadratmeter großen Markthalle des Ben Thanh Marktes in Ho Chi Minh Stadt gibt es alles: Getrocknete Shrimps, tonnenweise Gewürze, Früchte, von denen ich viele nicht kenne, Eichhörnchenkaffee (ja, die Bohnen wurden von Eichhörnchen gefressen und wieder ausgeschieden, wahlweise lassen sich die Eichhörnchen durch Schleichkatzen oder andere Tiere ersetzen, nur mit Elefanten würde es nicht so gut funktionieren. Der Kaffee, der einmal ein Verdauungssystem durchlaufen hat, gilt als Delikatesse und ist deshalb besonders teuer. Aber die Dosen sind auch hübsch). Ich hätte damals noch mehr von diesen Mund-Nasenschutz-Masken im Burberry-Karo-Style kaufen sollen. Finde meine nicht mehr, konnte ja nicht ahnen, dass die hier noch mal so wichtig werden.

Ho Thi Ky Flower Market, Ho Chi Minh Stadt, Vietnam

Blumenmarkt in Ho Chi Minh Stadt, Vietnam
Kann es sein, dass die Blumen und die Grafitti an der Wand die gleichen Farben haben? Ist das Zufall?

Der Blumenmarkt in Ho Chi Minh City ist eine Sinfonie aus Farben. 2 Tonnen Blumen sollen hier jeden Tag verkauft werden, am vollsten ist es ganz früh am Morgen. Mitten im Blumenmarkt verkaufen kambodschanische Essenstände ihre Spezialitäten – eine kleine Reise in der Reise.

Gemüse- und Blumenmarkt in Dadar West, Mumbai, Indien

Häufchen von Kräutern und Gemüse liegen auf dem Boden, zunächst in einer dunklen Unterführung, dann am Rand einer schmalen Gasse, hinter den Häufchen hocken Marktfrauen, Männer, ganze Familien. Hübsch präsentierte Kohlköpfe, die nicht so schönen Blätter, sorgsam entfernt, liegen drumherum auf der Erde, werden von den Marktbesuchern zu einem fauligen Brei zertreten. Ein Mann präsentiert stolz seine schönsten Möhren, eine Frau wedelt mit einem Bund schlaffer Kräuter, ein anderer Händler fotografiert uns mit seinem Smartphone. Ältere Damen in Saris schieben sich forsch vorbei, wo es eigentlich kein Vorbei gibt, so schmal ist der Weg zwischen den Händlern. Der ganze Markt ist ein langgezogener Streifen neben der Bahn, Häusern, einer Straße. In einer Unterführung hocken Frauen völlig im Dunkeln vor undefinierbaren Häufchen, in einer anderen Ecke schlafen Menschen, in Tücher gewickelt. Inder, so heißt es, können überall schlafen.

Der Gemüsemarkt geht über in einen Blumenmarkt. Mit geschickten Bewegungen drehen, knoten und fädeln Frauen und Männer aus Blütenblättern – sehr kleinen Blütenblättern – Blumenketten und Girlanden. Die Stände werden bunter und bunter. Das Gewusel immer dichter. Warum bei diesem Ausflug mit einer ganz normalen Kreuzfahrttouristengruppe niemand verloren geht, noch nicht mal das etwas orientierungslose Ehepaar aus Wanne-Eickel, bleibt mir ein Rätsel. Mumbai ist magisch!

Souq Waqif in Doha, Katar

Haushaltswaren im Souq Waqif in Doha, Katar
Welcher Topf darf es sein? Die Autorin kann sich mal wieder nicht entscheiden

Der Souq Waqif im Zentrum von Doha sieht alt aus. Der Lehm bröckelt an den Ecken ein bisschen, die Farben wirken angenehm ausgeblichen. Doch der ganze Komplex ist neu, errichtet nach den Kindheitserinnerungen des Scheichs Hamad bin Khalifa-al Thani. Ungewöhnlich in einer Region, in der die Häuser sonst nicht prunkvoll genug sein können. Der neue alte Basar ist eine Wundertüte. Es gibt einen Shop für Falknereibedarf (diese entzückenden kleinen Hauben, die man den Falken über den Kopf stülpt – hätte ich dafür nicht Bedarf?), einen Vogelmarkt, Tücher ohne Ende und Haushaltswarenläden, ach, diese Haushaltswarenläden! Zu gerne hätte ich einen dieser Töpfe gekauft, in den mindestens ein halbes Kamel passt. Dazu ein Tablett, groß wie ein Doppelbett. Spoiler: Habe ich dann doch nicht getan.

Mehr Fernweh?

Hier geht es zu den anderen Folgen der Sehnsuchts-Serie "Was ich gerade vermisse":

1. Das Meer

2. Motorroller, Kutsche und Luxuslimousine: Fortbewegungsmittel

Kommentar schreiben

Kommentare: 0