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Schweden: Cowgirl trifft Elch, Teil 2

Wie ich aus völlig unwissenschaftlichen Gründen Värmland besuchte, dort wilden und weniger wilden Tieren begegnete, den aufgeräumten Wald bewunderte, Zimtschnecken genoss, in den Westernsattel stieg und ein Elchgeweih streichelte – und das alles an einem Wochenende

Text und Fotos: Kirsten Rick

2. Station: Elchpark – Värmlands Moose Park

Die Wälder rechts und links der Straße scheinen endlos – und sehr, sehr aufgeräumt. „Meterware“, raunt einer meiner Begleiter. „Alles Meterware.“

 

In Värmlands Moose Park – dem Elchpark in Ekshärad – suchen wir uns erst passende Gummistiefel aus. Dann stellt sich Per vor. Er ist halb Schwede, halb Engländer, seinem Vater Tim und seinem Bruder James gehört die Elchfarm seit drei Jahren. Tim ist mit Begeisterung bei der Sache, er brennt geradezu darauf, uns seine Elche zu zeigen und glänzt mit umfangreichem Wissen über den „König der Wälder“, das er unterhaltsam vorträgt. Bei ihm ist auch eine Exkursion auf eine leere Wiese und ein Vortrag darüber, warum dies eigentlich der perfekte Ort ist, um wilde Elche zu beobachten, kurzweilig. Überhaupt ist sein Tipp für alle, die mal einen Elch ohne Zaun erleben wollen, der: Bloß nicht im Wald herumpoltern, das wird nichts. Da macht der Mensch nur Krach, stinkt vor sich hin und kann wegen der Bäume eh nichts erkennen. So eine Lichtung sei da schon viel besser. Wenn man dann noch ein paar Faktoren wie die Windrichtung und den Zeitpunkt (morgens um 5 Uhr oder am späten Abend) beachtet, hat man in Värmland gute Chancen. Ein paar Apfelbäume sind auch klasse, denn Elche lieben Äpfel. Wenn diese schon leicht vergoren sind, essen sie so viele davon, dass sie regelrecht besoffen werden.

 

Per hat einen Eimer mit Apfelstückchen dabei, den er leicht schüttelt, als wir uns dem riesigen Gehege nähern. Auf sechs Hektar leben sechs Elche. Sie sind Einzelgänger, sie brauchen Platz.

 

Vor dem drei Meter hohen Zaun bleiben wir entzückt stehen. Elche sind sooo süß! Und erst diese Elchkuh mit ihren zwei Kälbern!

 

Da wissen wir noch nicht, dass der Zaun drei Meter misst ist, weil Elche aus dem Stand 2,20 hoch springen können. Dass sie bis zu 750 kg schwer werden und bis zu 60 km/h schnell laufen können – und das sieht noch aus wie gemütliches Traben. Dass sie sehr gut schwimmen und noch besser tauchen können. Bis zu sechs Meter tief. Sie schließen ihre Nasenlöcher und grasen auf dem Boden des Sees. Und dass sie extrem gefährlich sind. Vor allem eine Elchkuh mit Kälbern. Sie kann – ihren Nachwuchs unter ihrem Bauch versammelt – in alle Richtungen treten, auch mit zwei Beinen gleichzeitig und mit unglaublicher Wucht. Mit dieser Kung Fu Technik verteidigt sie ihre Kälber ohne Probleme gegen ein ganzes Wolfsrudel. Mit ihren Hufen kann sie locker durch einen Wolf durchtreten. Oder einen Bären töten. Auch mancher Mensch, der zwischen Elchkuh und Kalb geraten ist, hat diese Begegnung nicht überlebt. Wir treten ein wenig vom Zaun zurück.

 

„Ihr könnt sie ruhig füttern“, sagt Per und hält uns den Eimer hin. Wir zögern. Dieses gefährliche Monster füttern? Beißen Elche nicht auch? Die Elchkuh sieht uns auffordernd an und schürzt ihre erstaunlich eckige Oberlippe ein wenig. „Keine Sorge, die haben vorne oben keine Zähne“, erklärt Per. Vorsichtig nehme ich ein Apfelstück und schiebe es durchs Gitter. Sanft zupft die Elchkuh mir das Obst von der Hand, von Zähnen wirklich keine Spur, nur eine samtweiches Schnute. Aber schwierig zu fotografieren, wegen des Gitters (Kamera nicht durchstecken, könnte mit einem Apfel verwechselt werden) und weil die Königin des Waldes und ihre Brut doch ein wenig zappelig sind.

 

Der Elchbulle Emil dagegen steht ganz ruhig da. Per hat uns zunächst eine Menge über die gigantischen Geweihschaufeln erzählt: sie sind „Luxusorgane“, die eigentlich nur dazu dienen, attraktiv für die Damenwelt zu sein. Und in der Paarungszeit die Nebenbuhler in die Flucht zu schlagen – oder besser: zu drängen. Elchbullen verhaken ihre Geweihe ineinander, dann wird geschoben. Wenn sie großes Pech haben, lösen sich die Geweihe nach dem Drängelwettkampf nicht wieder voneinander – dann gehen beide zu Boden und verenden elend. Die Paarungszeit ist kurz: die Elchkuh ist nur einen Tag im Oktober empfängnisbereit. Um diesen Moment nicht zu verpassen, verfolgen die Bullen ihre Angebete wochenlang wie ein Kurschatten und schwenken dabei ihr Geweih hin und her, um zu zeigen, wie schick und intakt es ist. Dabei passen sie auf, dass sie nicht an Bäume anrempeln – so eine angeditschte Schaufel, das sieht doch nicht aus und verhindert vielleicht die Möglichkeit, sich in den Genpool einzubringen. Im Januar/Februar löst sich das Geweih und fällt ab. Erst eine Schaufel, dann wandert der einseitig bestückte Elch mit schiefer Kopfhaltung herum, bis die zweite Schaufel auch abfällt. Im April wächst der Geweihknochen dann wieder neu. Mit zwölf Jahren haben Elchbullen die größten Schaufeln, danach wird’s wieder kleiner.

 

So weit vorbereitet dürfen wir zu Emil. Ins Gehege hinein. Ohne Zaun zwischen uns. Per hält ihm einen Eimer mit Futter hin, doch Emil scheint zunächst nicht interessiert. Dann kommt er doch gemächlich angeschlendert und beginnt zu fressen. Wir dürfen sein Geweih streicheln, es ist mit zartem Flaum überwachsen. Vorsicht, wenn er den Kopf bewegt – er achtet nicht auf seine Ausleger und so ein Mensch geht dann schon mal K.O., unbeabsichtigt natürlich. Riesig kommt mir der Elchbulle vor, dabei ist er „höchstens mittelgroß“, wie Per versichert. Respektvoll tätschele ich dem mächtigen König des Waldes die samtige Geweihschaufel. Emil interessiert das nicht, er versenkt sein rechteckiges Maul tief im Futtereimer. Nur manchmal sieht er auf, blickt sich freundlich um – und ich gehe in Deckung, um nicht von seinen mächtigen Geweihschaufeln umgefegt zu werden.

 

Info:

Värmlands Moose Park

Preise: Erwachsene SEK 200 (21 Euro), Kinder SEK 100 (10,50 Euro). Touren: vom 1.9.-31.5. jeweils sonntags und mittwochs um 11 Uhr, im Sommer mehr Termine

moose-world.com

 

Mehr über Värmland auf:

www.visitvarmland.se

www.visitsweden.de


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