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Schweden: Cowgirl trifft Elch, Teil 4

Wie ich aus völlig unwissenschaftlichen Gründen Värmland besuchte, dort wilden und weniger wilden Tieren begegnete, den aufgeräumten Wald bewunderte, Zimtschnecken genoss, in den Westernsattel stieg und ein Elchgeweih streichelte – und das alles an einem Wochenende

Text und Fotos: Kirsten Rick

4. Station: Sundance Ranch

Willkommen im Wilden Westen! Anita, die Leiterin der Sundance Ranch, empfängt uns im Saloon. Von zurückhaltendem skandinavischen Design ist hier nichts zu sehen, der große, gemütliche Raum ist üppig im Western-Style dekoriert. Aber das ganze Konzept ist so überzeugend durchgezogen, das es funktoniert. Wagenräder, Westernsättel, Traumfänger, Flaggen und selbst die Pferdebettwäsche mit Winnetou & Old Shatterhand fügen sich zu einem hyggeligen Ganzen. Anita, die Niederländerin, hat sich hier einen Traum aufgebaut: aus vier Ferienhütten, einem Campingplatz, einem Saloon-Restaurant, einem Outdoor-Wellness-Bereich aus Faßsauna und Jakuzi – und natürlich, das Herz der Ranch – einer Pferdeherde, die auf den großzügigen Weiden rund ums Haus herumstreift. 24 Pferde leben hier im Offenstall, alle werden im Westernstil und mit gebisslosen Trensen geritten. Die Ranch hat sie nach ihrem ersten Pferd benannt, „Sundance Kid“.

Zu ihrem Traum gehörten eigentlich auch Bisons, doch die erwiesen sich als zu teuer. 5000 bis 8000 Euro kostet ein 8 Monate alter Bison. Deswegen wird es die Wildwestrinder demnächst erst mal nur als Burger geben.

Vor fast zehn Jahren ist Anita, Jahrgang 1972, mit zehn Pferden aus dem niederländischen Eindhoven nach Schweden gezogen. Auf der Suche nach dem perfekten Ort für ihre Ranch kam sie nach Värmland. Weite, Wasser, Wald und Weiden – das, was sie brauchte, gibt es hier reichlich.

Pferde sind für sie nicht nur Freunde, sondern gute Lehrer. „Sie sind fair, ehrlich, sie sehen, was hinter der Fassade ist. Sie haben keine Vorurteile und geben dir alle zwei Minuten eine neue Chance“, schwärmt sie. „Und sie wollen etwas für dich tun!“

Sie bekommt oft „Problempferde“, die die Besitzer loswerden wollen. Manches hat sie gar vorm Schlachter bewahrt. „Das Problem“, sagt Anita klar, „ist meist der Besitzer. Oder die Haltung.“ Bei ihr können die Pferde erst mal wieder „einfach Pferd sein“. Dann macht sie mit ihnen etwas Horsemanship und bildet sie ganz neu aus.

 

Nachdem wir unsere Hütten bezogen haben, teilt uns Anita die Pferde zu. Sie hat sich genau überlegt, welches Tier zu wem passen könnte. Ich bekomme Nikita, eine dunkelbraune, schmale Traberstute. Sie ist 17 Jahre alt und war ein solches „Problempferd“, das zum Schlachter sollte.

Mit Halftern in der Hand holen wir die Pferde von der Weide. Zum Glück grasen sie gerade in der Nähe des Hauses, sonst hätten wir einen etwas längeren Spaziergang vor uns gehabt. Die Herde bewegt sich frei auf den großen Weiden. Mit Hilfe von Anitas Mitarbeiterinnen – jungen, aber sehr erfahrenen „Pferdemädchen“ – putzen, satteln und trensen wir. Alles ganz in Ruhe. Der Westernsattel ist schwer, Anita schwingt ihn mit einer speziellen Technik auf den Pferderücken. Das erfordert Übung. Dafür sitzt es sich ausserdordentlich bequem darin.

Auf dem Reitplatz führt Anita uns ein bisschen in die Grundlagen des Westernreitens ein. Die Zügel sollen gleichlang sein und etwas durchhängen. Die Pferde werden ohne Gebiss geritten, auch weil Anita nicht möchte, „dass Gäste ihnen mit den Zügeln das Gebiss bis zu den Ohren ziehen“. Das soll bei überambitionierten Englischreitern durchaus öfter vorkommen. Ich lasse die Zügel ganz locker und Nikita nutzt die Gelegenheit, an den Rand des Reitplatzes zu schlendern und dort ein kleines Graspicknick einzulegen. Eigentlich ist es ja höflich, das Pferd erst freundlich zu fragen, ob es kooperieren möchte, aber in diesem Fall soll ich doch ganz klar ansagen, was ich will.

Ich will Anita zuhören, die die einzelnen Eskalationsstufen der treibenden Hilfen erklärt. Phase 1: den Schenkel sanft an den Pferdebauch anlegen, als sei man eine Mücke. Phase 2: ein wenig mehr Druck. Phase 3: ein leichter Kick mit dem Unterschenkel. Phase 4: ein stärkerer Kick. Phase 5: die Zügelenden auf die Kruppe klatschen. Nikita sei ein Phase-1-bis-2-Pferd, erklärt Anita. Die Stute geht auch sofort willig los, als ich die Beine anlege. Wie das nun genau mit der durchhängenden Zügelführung funktioniert und welcher Schenkel wann wieviel Druck ausübt, ist mir nicht klar, aber die Probe-Volten klappen halbwegs. Anhalten auch. Dafür nimmt man die Zügel ein wenig auf und stemmt die Füsse von hinten nach vorne in die Steigbügel, „als würdet ihr auf die Bremse treten“. Klappt. Nikita steht und sieht sich nach Essbarem um. Wenn das Pferd steht, sofort wieder nachgeben, locker lassen. „Den Druck wegnehmen, das ist die beste Belohnung für das Pferd“, erklärt Anita.

Nachdem wir alle noch eine Runde getrabt sind, dürfen wir zum Ausritt aufbrechen. Gut gesichert mit einer Rittführerin vorne und strategisch zwischen und hinter uns verteilt reitenden Helferinnen. Im Schritt verlassen wir die Ranch und reiten in den Wald. Dort geht es ganz gemächlich durch das Dickicht. Wir queren einen kleinen Bach und halten immer wieder an, weil ein dickes Pony namens Flicka sich auch gerne mal eine Mahlzeit am Wegesrand genehmigt. Nur manchmal kommt Bewegung in die Gruppe, dann aber richtig: Wenn die Rittführerin ankündigt, dass wir einen Hang hochgaloppieren, dann haben wir das meist schon vorher an den Pferden gemerkt. Die kennen die Strecke und wissen, wo und wann sie kurz mal lospreschen dürfen. Nikita ist da flott und hochmotiviert. Nur Trabstrecken gibt es auf diesem Ritt keine – das ist schade, denn das ist meine Lieblingsgangart. Und immerhin sitze ich auf einer Traberstute. Toll trittsicher sind die Pferde, als wir uns langsam wieder bergab bewegen. Wir sollen sie dabei möglichst nicht stören. So bewältigen sie auch kleine Trittstufen und tiefen Sand auf ganz schmalen, verschlungenen Wegen. Zum Glück, so erzählt die Rittführerin, haben wir Smeagals nicht dabei, ein eigenwilliges Pony, das sich lieber mitten durchs Gebüsch schlägt. Es fängt an zu regnen, ich bin froh über den gewachsten Mantel, den Anita mir noch hinter den Sattel geschnallt hat. Bestimmt zwei Stunden sind wir mit den Pferden unterwegs, es ist so schön und friedlich, einfach durch den Wald zu schlendern, geradezu meditativ, dass ich das Zeitgefühl völlig verliere.

Zum Glück sind wir keine echten Cowboys und müssen uns nicht selber eine Dose Bohnen auf dem Lagerfeuer heiß machen, sondern es wird für uns gekocht. Das Essen passt ins Gesamtkonzept, es ist Tex-Mex-Style: Tortilla zum selberwickeln mit Chili-Honig-Huhn. Und danach Apple Crumble.

Anita hat das Saunafass am Fluss, dem Klarälven, vorheizen lassen. In Bikinis (Badekleidung ist hier Vorschrift) und in große Handtücher gewickelt tasten wir uns im Dunkeln dorthin. Es ist kalt, es ist matschig, aber wir finden das Fass. Wie gut die Hitze tut! Wie schön der Ausblick auf den ruhigen Fluss ist, sobald sich die Augen erst mal an die Dunkelheit gewöhnt haben. Zu Abkühlung gibt es eine Dusche unter dem Baum, dann machen wir es uns im sprudelnden, abwechselnd rot, blau und grün beleuchteten Jakuzi bequem. Keine Chance auf Muskelkater! Und ich schlafe tief uns fest in meiner Pferdebettwäsche.

 

Drei verschiedene Gästetypen hat die Sundance Ranch:

1: Gäste, die für eine Woche kommen und das ganze Programm buchen, mit Ausritten und der Squad-Tour

2. Tagestouristen, die mit Kanu und Zelt auf dem Klarälven unterwegs sind.

3. Nachbarn aus der Umgebung, die für die Veranstaltungen – Barbecue Nights, kleine Konzerte – kommen.s

 

Am Sonntagmorgen stellt uns Anita noch einen weiteren Punkt aus ihrem Angebot vor: sie lädt uns zu einem Mini-Coaching ein – mit Pferde-Unterstützung. Sie macht gerne Coaching mit Pferden. „Pferde spiegeln dein Verhalten, daran sehe ich, was ich fragen muss. Das Pferd kann tiefer sehen und das hilft mir, den Menschen zu verstehen. Das Pferd interessiert es nicht, ob du mit einem dicken Auto vorfährst, ob du teure Schuhe trägst oder eine Krawatte“, erklärt sie. Auf einem Paddock vor dem Stall steht Smeagals, das freche Offroad-Pony. Ein Clown mit eigenem Willen, aber höchst sensibel und aufmerksam. Und das ideale Coaching-Pony. Anita bittet uns einzeln in den Paddock und gibt uns eine Aufgabe: Wir sollen mit Smeagals Kontakt aufnehmen. Und dann einen kleinen Slalom um ein paar Hütchen herum gehen. Dann, so kündigt sie an, sagt sie offen, was sie gesehen hat. „Dabei können auch schon mal ein paar Tränen fließen, das kann sehr emotional werden“, warnt sie. Smeagals trägt ein Halfter, wir bekommen einen Strick in die Hand, ob wir den benutzen, bleibt uns überlassen. Bei der ersten Kandidatin zeigt sich das Pony unbeeindruckt, es nimmt kaum Notiz von ihr. Bei der zweiten ist es brav, die Frau hat aber auch sehr viel Pferdeerfahrung. „In solchen Fällen“, sagt Anita, „stelle ich manchmal nahezu unlösbare Aufgaben, die im normalen Alltag mit Pferden nicht vorkommen.“ Dann bin ich dran. Mit weichen Knien nähere ich mich dem kleinen Schimmel. Mache ich mir jetzt wirklich ernsthaft Gedanken, wie das Pony mich findet? Smeagals ist neugierig, lässt sich von mir ein bisschen streicheln. Ob er aber mitkommt, weiß ich nicht, ich klicke lieber den Führstrick ans Halfter. In der Mitte des Slaloms sagt Anita: „Mach doch mal den Strick ab!“ Smeagals folgt mir auch ohne Seil weiter durch den Slalom, ich spüre seinen warmen Ponyatem an meinem Ellenbogen. Er stubst mich sogar ganz sanft von hinten an. „Wie hast Du Dich dabei gefühlt?“, fragt Anita. „Erst unsicher, dann aber ganz gut.“ – „Das habe ich auch gesehen“, sagt sie. „Du kannst dir ruhig mehr zutrauen. You can do it! Believe in yourself“, rät sie mir. Da muss ich doch ein wenig schlucken. Sie hat mich ganz gut erkannt – mit Smeagals Hilfe.

 

Danach haben wir noch ein Date mit unseren Reitpferden. Wir dürfen auf den „Extreme Trail“ – das ist eine Art großer Abenteuerspielplatz für Pferde und Menschen. Mit verschiedensten Hindernissen, die es zu überwinden gilt. Keine Sprünge, sondern eher Geschicklichkeitsaufgaben. Das Pferd soll durch eine Art Mikado aus Ästen, das am Boden liegt, steigen, über einen schmalen Steg gehen, einen engen Slalom aus Stämmen durchqueren, durch ein Gatter um die Ecke gehen und durch ein Tor und durch einen Puschelvorhang hindurch. Nikita findet den Trailplatz super, weil dort tolles frisches Gras wächst. Zuerst führen wir, dabei macht Nikita alles gut mit – bis auf den Steg, auf dem stehe nur ich und sie daneben. Geht doch, scheint sie mir zu sagen und guckt mich zufrieden an. Als wir aufsteigen, meide ich auch einfach die Hindernisse, die vom Boden aus nicht funktioniert haben. Der Puschelvorhang ist unser Ding, da gehen wir gleich ein paar Mal durch. Und durch das Astmikado bewegt sich die Stute auch ganz sicher. Ich sage an, wo ich hin möchte, dann vertraue ich dem Pferd – das klappt hier ganz prima. Schade, dass ich schon wieder weg muss. Nikita und ich könnten sonst ein richtig gutes Team werden!

 

Info:

Sundance Ranch,

Angebote: z.B. Reit-Package: 6 Nächte in einer Hütte, 5 Reit-Tage, inkl. Frühstück, Mittagessen/Picknick, Abendessen für SEK 8008 (839€)

Reitstunden in der Gruppe (2-5 Personen) SEK 200 p.P. (21€)

Sauna & Jacuzzi SEK 199 (21€) p.P.

www.sundanceranch.eu

 

Mehr über Värmland auf:

www.visitvarmland.se

www.visitsweden.de


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