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Schweden: Kompaktes Sommerglück

Leicht und frei unterwegs: Sieben Tage mit Falträdern und Zelt auf dem Kattegattleden von Kopenhagen nach Göteborg

Die Anreise:

Um 7.25 Uhr geht der Zug. Alles passt auf die Falträder. Mein Bike Friday kann zwei ganz normale Ortlieb-Fahradtaschen schleppen. Bike Friday ist am Start! Und M.s „Urban“ auch, das kann sogar unterwegs Strom erzeugen und das Telefon laden.

In der 1. Klasse (Sonderangebot!) drängen sich etliche überpackte Pfadfinder. Auf der Fähre haben wir ein bisschen Luft, im Umsteigezug in Nyborg ist dann alles voller Kinderwagen. Kaum Platz für die gefalteten Räder, kein Sitzplatz. Aber es geht.

 

Das Hipsterparadies Kopenhagen empfängt uns mit wunderbaren Fahrradrouten. Es sieht alles sehr lässig aus, breite Straßen mit Grünstreifen und Bänken in der Mitte. Und natürlich eigene Fahrradstreifen, zweispurig.

Wir machen einen Ausflug ins Museum Arken (www.arken.dk) im Süden von Kopenhagen. Ein schöner, aufgeräumter Museumsbau, der sich geschmeidig in die Dünenlandschaft am Meer einfügt. Zum Campingplatz und zum Strand ist es nicht weit.

Die Ausstellung heißt „Gosh! Is it alive?“ – Hyperrealismus. Menschen, die sehr, sehr echt aussehen. Also: Skulpturen, die wie echte Menschen aussehen. Vor allem die Frauenskulpturen von von Paul MacCarthy – je näher ich hinsehe, um so echter wirkt die Haut. Jedes Härchen, jeder Leberfleck, jede feine Linie und Furche ist da.

Es gibt auch einen eigenen Damien Hirst Raum – für alle, die mal einen Kuchen aus Fliegen und durchgesägte Kühe sehen wollen.

Auf einer Rad-Rundtour durch Kopenhagen halten wir an den Häusern des Architekten Bjarke Ingels. 8tallet, www.8tallet.dk

Dann mit dem Rad durch die Stadt in einem Rutsch: Christiana (wir sind bis ganz nach hinten durchgeradelt), Oper, Essen bei Copenhagen Street Food (copenhagenstreetfood.dk/en), für uns gibt es Bibimbab, Duck Fat Fries und Ingwershots, weiter über die Fahrradbrücke zum Platz vor Amalienborg, ein Blick auf die Oper von der anderen Wasserseite, zur kleinen Meerjungfrau (die ist wirklich sehr klein), durch das Kastell, zum Brunnen, noch schnell in die Lobby des von Arne Jacobsen entworfenen Hotels (die wird leider gerade umgebaut).

Freitag:

Mittags brechen wir auf, mit einer grünen Welle durch Kopenhagen, Richtung Norden.

Überraschung in Humlebaek: Das Museum Louisiana (www.louisiana.dk)

hat doch noch geöffnet – bis 21 Uhr sogar! Es ist sechs, also haben wir noch reichlich Zeit. Rein in die Ausstellung von Marina Abramovic, die große Performancekünstlerin aus Belgrad. Beispiel: Bei „The Artist ist present“ saß Abramovic tagelang im Museum Besuchern gegenüber und sah ihnen in die Augen – sonst nichts. Sie war einfach da – und sie sagt, sie hätte sich danach so erschöpft gefühlt wie noch nie zuvor.

Es ist recht spät, als wir Louisiana verlassen – voll mit Eindrücken. Wir überlegen, noch in Dänemark zu übernachten, finden aber keinen „Teltplads“. Also nehmen wir die Fähre von Helsingör nach Helsingborg – um 21.40 Uhr. Die Überfahrt ist kurz, reicht gerade, um drei Bier zu kaufen, einen Ingwershot (noch von Fotex in Kopenhagen) zu kippen und uns Sorgen zu machen, dass die Räder neben den LKW (aber ohne Festschnall-Möglichkeit) umkippen könnten. Als wir in Schweden ankommen, ist es dunkel.

Mit den Lastern runter von der Fähre ins Industriegebiet, nach Süden (und nicht Richtung Norden, wohin der Kattegattleden (kattegattleden.se/de) uns führen soll. Aber im Süden ist der nächste Campingplatz. Dort werden wir an der Rezeption abgewiesen: „Wir sind voll.“ Und überhaupt, man könne doch überall zelten.

Ein klassisches kulturelles Missverständnis. Von dem schwedischen „Allemansrätten“ (Jedermannsrecht) haben wir ja gehört, aber wie funktioniert das genau? Und überhaupt wäre etwas sanitäre Infrastruktur ja auch ganz schön. Meine Hände zittern vor Müdigkeit und Erschöpfung, ich kann nicht mehr. An der Rezeption wird das Rollo heruntergelassen und die Tür abgeschlossen. Touristen trollen sich zu ihren Wohnwagen und -mobilen.

Wohin jetzt? Okay, wenn man in Schweden praktisch überall zelten darf, wäre ich auch mit dem nächsten Randstreifen an der Straße im Industriegebiet zufrieden, jedenfalls im Moment. Doch M. lotst uns Richtung Strand. In Hörweite einer Party, hinter einem Ökologie-Natur-Unterstand bauen wir im Dunkeln das Zelt auf. Ich lege mich rein und schlafe sofort ein, bei fernen Partyklängen und Wellenrauschen.

 

Kilometer: 66,9

Höhenmeter: 230

Fahrtzeit: 4:21h

Samstag:

Der Wind rüttelt am Zelt, davon wache ich auf. Das Toilettenhäuschen nebenan ist geöffnet und wird gerade frisch geputzt.

Bei Sonnenschein sieht alles wunderbar aus.

M. ist schon hoch, er hat Tee gekocht und überlegt, im Meer baden zu gehen. Wie die Frau, die mit Rad in Gummistiefeln und Bademantel ankommt, Rad und Gummistiefel beim Unterstand abestellt, den Steg entlang übers Wasser schreitet, am Ende angekommen ihren Bademantel auszieht, ans Geländer knotet und und nackt über die Leiter ohne zu zögern ins eisige Meer steigt, als sei das ihre Badewanne.

Ich halte mich am heißen Tee fest, M. wird allein beim Anblick der Nixe etwas wärmer. Allerdings trägt er auch alle kuscheligen Sachen, die er dabei hat, übereinander.

Als wir losfahren wollen, beginnt es zu regnen. Regenjacken und Rainlegs anziehen.

Wir radeln nach Helsingborg und drehen auf der Suche nach der Touristeninformation ein paar Kringel durch die Stadt. Das dauert, denn die Beschilderung ist krude und verwirrend. Am Ende ist die Touristinfo nur so eine Multimediastation mit einem gegelten Typen, der auf dem Unterarm ein Landkarten-Tattoo trägt und verkündet, alle Informationen zum Kattegattleden gäbe es nur im Internet. Kattegattleden.se – so weit war ich auch schon. Keine Karte auf Papier, falls das Smartphone mal ausfällt.

Okay, immerhin ist der Weg ausgeschildert: schwedisch-rote Schilder mit einem Fahrradsymbol und der Bezeichnung „Kattegattleden“.

Sehr schön ist die Strandpromenade in Helsingborg, noch schöner wäre sie, wenn es nicht regnen würde. Dann könnten wir Pause machen, uns auf einem der hölzernen Liegemöbel räkeln oder im weißen Sand oder, wenn es auch noch Abend wäre, bei „Sillen & Makrillen“ www.sillenmakrillen.se einkehren und den Sonnenuntergang genießen.

Immerhin ist es schön leer. M. will auch gar nicht Pause, sondern Strecke machen. Der ganze Weg liegt schließlich noch vor uns – und wir müssen am Mittwochabend die Fähre ab Göteborg erwischen.

Durch das Hafenfest in Viken schieben wir, es spielt eine bayerisch anmutende Blaskapelle in schwedischen Uniformen.

Im Regen erreichen wir Höganäs – und finden die Höganäs Saluhall (hoganassaluhall.se). Der Parkplatz ist voll, aber wir schließen die Räder an einem Baum an. Die Markthalle sind ein Tipp von visitsweden.de: Eine alte Keramikfabrik, die nun in entzückender Schwedischkeit prangt. Ein Feinkostsupermarkt mit wuseligem Marktcharakter, lauter kleine Designgeschäfte, in denen fast alles handgemacht aussieht und natürlich der Verkaufsraum der Manufaktur für salzglasiertes Steingut. Das wurde früher in genau diesen Öfen der Fabrik gebrannt, tagelang. Jetzt sind diese Öfen zu begehbaren Räumen geöffnet, gebrannt wird woanders, moderner.

Einer der Öfen ist mit einer großen Platte abgedichtet und trägt das Buffet des Restaurants im ersten Stock. Wir sind hungrig (es gab kein Frühstück) und buchen uns zum „Sommarbrunch“ ein: tolle Salate, kerniger Bulgur, extravagantes langes schmales Knäckebrot, Roastbeef, Fischröllchen, frisch gebackene Pizza. Und kleine, sehr kompakte Desserts: geballte Kalorien in Form von Merenguetörtchen mit Passionsfruchtfüllung und winzigen Kokosbrownies. Dazu Tee und Kaffee.

Satt und zufrieden starten wir wieder – gemeinsam mit dem Regen. Zwischen Kamillenfeldern und ihrem vertraut friedlichem Duft hindurch radeln wir Richtung Mölle. Dort regnet es stärker, wir stellen uns am Hafen unter. Die Stadt erhebt sich über dem Meer, die weißen Häuser sehen eindrucksvoll nach Seebad aus. In der kurzen Pause verliert mein Hinterrad seine Luft, ich habe einen Platten. M. packt sein Werkzeug aus und wechselt den Schlauch. Als er damit fertig ist, hat es aufgehört zu regnen. Für eine nähere Mölle-Besichtigung ist nun keine Zeit mehr.

Weiter Richtung Nimis: dieses Kunstprojekt in der Mikro-Nation „Ladonia“ (www.ladonia.org) liegt nicht direkt am Kattegattleden und wird in den offiziellen Tourismus-Prospekte und auf den Ausschilderungen eher nicht erwähnt. Eine Art Turmstadt am Meer soll es sein, eine gigantische Skulptur in unzugänglichem Gelände, die lange nicht von den Behörden entdeckt wurde. Zwischendurch wurde es von Beuys gekauft, dann von Christo übernommen. Abgebrannt ist es auch mal.

Durch schlammigen Wald schieben wir bergauf über Baumwurzeln. Das ist anstrengend. Der Wind weht die Tropfen von den Bäumen. An einem Wegweiser (der auf alles Mögliche hinweist, auch auf lebensgefährliche Abstürze, nur nicht auf Nimis und Ladonien) schließen wir unsere Räder an. Mit Gepäck und voller Vertrauen, dass es nachher auch noch da sein wird. Weiter zu Fuß. An einen Baum ist ein großes N gemalt – ein erster Hinweis, dem wir folgen. Wir kraxeln über Felsen, Steilküste deutet sich durch die Blätter an. Dann: Nimis! Ein wirres Gebilde aus Holz, roh zusammengezimmert, doch es fügt sich zu engen Gängen, die in spitzen Türmen münden. Ein ganz langsamer Vergnügungspark, durch den wir uns Schritt für Schritt vorsichtige hindurchzwängen. Am Meer klettern wir über Steine, um noch einen besseren Blick auf die rauen, aber filigran wirkenden Gebilde zu bekommen. Die Sonne scheint, ein wunderbarer Gegenlichtmoment.

Der Rückweg ist viel entspannter und die Räder und das Gepäck sind auch noch da.

 

Bis zurück auf den Kattegattleden sind einige Höhenmeter zu überwinden und auch auf dem Radweg geht es auf und ab. An der Küste entlang, zwischen üppigen Getreidefeldern kurz vor der Ernte hindurch und immer wieder durch kleine Orte. Wunderschön – aber nirgendwo ist ein Supermarkt, ein Kiosk oder wenigstens eine Kirche, bei der wir frisches Trinkwasser zapfen können.

 

Unsere Wasservorräte sind bei Rekekroken aufgebraucht. Auf einem Schild mit einer Übersicht für einen Wanderweg sind allerdings die nächsten Ortschaften mitsamt Infrastruktur eingezeichnet: in Jonstorp soll es Trinkwasser und sogar einen Supermarkt geben. Richtig: nach ca. 2 Kilometern halten wir an einer Kirche mit Sanitärhäuschen und Wasserhähnen, ein paar hundert Meter weiter liegt auch ein Supermarkt. Der hat zu, denn es ist Samstagabend, 20 Uhr – aber er öffnet sonntags von 8-19 Uhr.

Wir radeln weiter, Richtung Meer, vorbei an Bauplätzen, bei denen schon die Straßen und Straßenlaternen drumherum fix und fertig sind. Vorbei an einem Naturschutzgebiet, hinein in ein Wäldchen und zu einem Badeplatz mit Steg, Bänken, einem Toilettenhäuschen und einer großen Wiese. Brillanter Blick. Zwei Zelte fügen sich schon unauffällig in die Landschaft ein. Wieder wunderbare Gegenlichtmomente. Noch nie sah M. beim Zeltaufbau dekorativer aus.

 

Kilometer: 66,8

Höhenmeter: 450

Fahrtzeit (und Fußweg nach Nimis): 5:01

 

Sonntag:

Wir fahren bis Ängelholm. Dunkle Wolken ziehen auf, es wird finster. Aber da ist ein Bahnhof. Und eine gute Idee. 350 Kilometer Radweg hält der Kattegattleden noch für uns bereit, aber wir kürzen ab und nehmen den Zug bis nach Varberg. 400 SEK (40 Euro) für zwei Vuxen (Erwachsene), das ist bezahlbarer Luxus. Fahrrad-Tickets brauchen wir nicht, denn wir haben ja Falträder. Und der freundlichen Schaffnerin reicht es, zu sehen, dass es Falträder sind – zusammenklappen müssen wir sie gar nicht, selbst das Gepäck kann dran bleiben. Im Fahrradabteil ist Platz genug.

Angenehmer Nebeneffekt: Wir lassen den hügeligen Teil der Strecke weg.

Ein schönes „Kallbadhuset“ (Kaltbadehaus, www.kallbadhuset.se) soll es in Varberg geben. Es ist leicht zu finden: Zum einen ist es ausgeschildert, zum anderen stehen viele Touristen davor, die Selfies schießen.

Ein langer Steg führt in die Bucht, gerahmt von einem weißen Geländer, am Ende thront auf Stelzen ein Zwiebeltürmchentraum aus Holz, in creme und weiß. Heiteres Juchzen scheint aus dem Inneren zu kommen. Drinnen ein kleines Café und getrennte Eingänge für „Damer“ und „Herrar“, Eintritt: 70 SEK (7 Euro) pro Person.

Ich gehe durch die „Damer“-Tür, um die Ecke, durch noch eine Tür und gelange über eine Art Innenhof (in der Mitte: das Meer) in eine Umkleide. Dort tummeln sich diverse nackte Damen, machen sich mit einem Lockenstab die Haare, blättern in Illustrierten und plaudern.

Neben mir zieht sich eine rothaarige Finnin aus. Sie hat ein Schiffsteuerrad aufs Schulterblatt tätowiert und diverse weiter maritime Motive an verschiedenen Körperteilen, alles sehr fein gearbeitet. Gemeinsam versuchen wir, die schwedischen Schilder zu entziffern. Vor der Sauna duschen. In der Sauna keinen Alkohol trinken. Mehr erschließt sich uns nicht. Immerhin: das Kaltbadehaus ist kein Kaltbadehaus (der Teil kommt noch), sondern eine Sauna.

Die Sauna hat wunderbar große, orientalisch anmutende Fenster mit Meerblick. Hin und wieder dümpetlt ein Böötchen vorbei, dass kann ich sogar ohne Brille erkennen. Die Bänke sind voll, eine Frau liest in einem Taschenbuch, andere plaudern und trinken (hoffentlich keinen Alkohol).

Nach der Sauna geht man in den Innenhof und dort über eine Treppe ins Meer. Das ist der Kaltbadeteil, schön blickdicht abgeschirmt vom Strand und vom Herrenbereich. Jetzt erklärt sich auch das Juchzen: das Meer ist eiskalt, man kann es unmöglich ohne Lautäusserung bezwingen.

Ich zögere, als meine Füße das kalte Wasser erreichen. „You have to do it faster“, rät eine der älteren, geübteren Kallbadehuset-Besucherinnen und lässt sich an mir vorbei geschwind ins kalte Wasser gleiten.

Ich schaffe es langsam, Zentimeter für Zentimeter, bis zur Hüfte. Angenehm erfrischend, niedliche kleine Fische sausen um mich herum. Dann bloß schnell wieder raus. Am Rand sitzt die Finnin auf einer Bank, sie geht gar nicht ins Meer. Machen wahre Saunaprofis das so? Sie schüttelt den Kopf und grinst: „In Finnland bin ich ein Joke: In der Sauna ist es mir zu heiß und im Wasser zu kalt.“

Sie ist seit gestern in Varberg, im frühen Morgengrauen mit dem Segelboot eingelaufen, und da war dieses rätselhafte Gebäude, wie von einem anderen Stern. „Das musste ich einfach näher sehen“, sagt sie.

 

Um Viertel nach sechs, nach zwei Stunden in Sauna und Meer und dazwischen, gehe ich raus und vorne ins Café. Dort sitzt schon M., frisch aber liederlich rasiert, und wundert sich, wo ich denn bleibe. Wir teilen uns eine heiße, frisch gebackene Waffel mit Erdbeermarmelade und Sahne.

Dann zurück zu unseren Rädern (Gepäck: alles noch dran) und ein paar Kringel durch Varberg. An einem überraschend großen ICA-Supermarkt halten wir an, nehmen Smoothies, Salat und freies WLAN mit und machen uns dann auf dem Weg zum Meer. Dort will M., so sein eigener Anspruch, einen Zeltplatz finden, der mindestens ebenso schön ist wie der letzte.

Wir verlassen den Radweg, um auf eine Halbinsel zu radeln. Dort ist es schön, aber alles ist entweder privat (Ferienhäuser) oder Naturschutzgebiet (Zelten ausdrücklich verboten!). Als Alternative gibt es einen wirklich öde aussehenden Campingplatz, aber das ist indiskutabel.

Ich bin erschöpft von der Sauna und würde auch neben einem entzückenden kleinen Fußballplatz campen, mit Tisch und Bänken fürs Picknick, aber M. macht sich allein weiter auf die Suche und findet den perfekten Platz: dicht vor einem eingezäunten Naturschutzgebiet – zwischen Zaun und Picknickplatz – passt ganz genau unser kleines Zelt. Beim abendlichen Tee geht der Blick über Felsen, Heidekraut und Schafe bis zum Meer.

Die Küste sieht hier ganz anders aus. Keine lieblichen Sandstrände mehr, sondern wuchtige Felsen, sanft abgeschliffen von Gletschern und vom Wasser. Ein von der Natur elegant angelegter Steingarten.

Und zum Einschlafen blöken die Schafe.

Montag:

Das Naturschutzgebiet ist toll: Heide am Meer, dazwischen Felsen, niedrige Wacholderbüsche, Schafe, Gänse, jede Menge andere Vögel. Auf dem Parkplatz steht ein Wohnmobil, daraus entsteigt ein Paar mit einem gigantisch großen Fernglas. Das wars dann mit der Privatsphäre, liebes Federvieh!

Als wir nach dem Frühstück aufbrechen, ahnen wir noch nicht, dass dies unsere Top-Tagesetappe wird, mit 84 Kilometern. Und das auf dem kleinen Pony Bike Friday.

Die Wegführung ist rätselhaft, aber schön: kreuz und quer auf kleinen Straßen zwischen Feldern hindurch. Bei Asa leuchtet uns das Meer türkis entgegen. Badestopp!

Wir halten auch noch an einer Bäckerei („Hembageri) in Asa und kaufen Zimtschnecken mit Kardamom.

Schloss Tjöholmen verpassen wir, das ist nicht gut ausgeschildert und es liegt auch nicht direkt am Radweg. Eine vernünftige Karte haben wir ja nicht.

Dafür gibt es bei Fjäras Bäcka einen tollen Blick: links das Meer, rechts ein See. Und jede Menge Picknickplätze am Wegrand. Wir wählen einen neben einer Pferdeweide und werden von den „Hästa“ neugierig beäugt.

Kurz darauf ist der Radweg gesperrt, eine Umleitung ist nicht ausgeschildert. Wir fahren nach der Komoot-App entlang der stark befahrenen Landstraße.

Jetzt erschließt sich auch das komplizierte, aber viel schönere Routing des eigentlichen Radweges.

Auf dem Marktplatz in Kungsbacka endet die offizielle Etappe. Bei der Tourist Info gibt es Free WiFi und einen Übernachtungstipp: Rörviks Camping, Onsala (www.rorvikscamping-onsala.se)

Wir folgen dem Radweg auf die Halbinsel Onsala – neben uns auf der Straße unglaublich viele Autos. Feierabendverkehr? Wohnen die alle dort? Oder wollen die nur mal schnell ans Meer? Die Halbinsel scheint mächtig besiedelt zu sein.

Die Seemannskirche im Ort ist leider schon geschlossen, ebenso wie das Seefahrtsmuseum. An Gottskärka fahren wir vorbei, dort verpassen wir die weltberühmte Himbeertorte, die auf der Homepage des Kattegattleden gepriesen wird. Aber wer isst schon um 20 Uhr Himbeertorte?

Nach Wildlagerplätzen sieht es hier nicht aus – alles Landwirtschaft oder privat.

Also zum Campingplatz Rörvik. Der ist sehr friedlich: keine Pommesbude, kein Minigolf und die vielen Dauercamper scheinen sehr zurückgezogen Ferien zu machen. Einzige Attraktion ist der Hubschrauberrundflug, der für morgen um 13 Uhr angeboten wird.

Ein älterer Herr kommt zur Rezeption, er vertritt seine Tochter. „Wenn die nicht da ist, bin ich der Chef“, lächelt er. In seinem Stoffbeutel trägt er ein Kartenlesegerät mit sich herum, Schweden ist auf dem Weg zur bargeldlosen Gesellschaft – auch auf einem Campingpatz fast in der Wildnis. „Seit es den Kattegattleden gibt“, erzählt er, „kommen hier viel mehr Deutsche her.“ Er zeigt in Richtung der Zeltwiese. Drei Zelte stehen dort schon. Das sind also viele.

Einen Badeplatz gibt es auch, verrät er uns, ungefähr 1500 Meter entfernt. Mit freundlichen Kühen. Die stehen unter Sendemasten und vor gigantischen Satellitenschüsseln des schwedischen Militärs. Fotografieren verboten! Gut, dass wir nur die Kühe geknipst haben.

Hinter den Kühen liegt ein grandioser Badeplatz für M., ich nehme mit meiner Teekanne auf den großen, glatt geschliffenen Felsen Platz und bin froh, dass ich die Fleecejacke druntergezogen habe. Und die Regenjacke drüber, denn es ist windig und beginnt zu regnen. Sofort gibt es zum Trost einen Regenbogen. Was will man mehr – ausser vielleicht ins Trockene und etwas Pasta? Aber auch das geht, dank der Kochgelegenheit in Rörviks Camping.

Zurückgelegte Tageskilometer: 84. Erwähnte ich das bereits?

 

Kilometer: 84,3

Höhenmeter: 470

Fahrtzeit: 5:38 h

 

Dienstag:

Auf nach „Jötteburja“, nach Göteburg, zweitgrößte Stadt Schwedens und letzte Etappe des Kattegattleden.

Wir verlassen die eine Halbinsel, um gleich darauf auf die nächste zuzusteuern: Sarö, einst Königskurort und Sommerfrische für die Reichen und Adligen.

Der Weg dorthin führt stilecht und standesgemäß über Golfplätze. Sehr belebte Golfplätze. Ich bin froh, dass ich einen Helm trage, so viele Bälle fliegen durch die Luft.

Vorbei an einem historischen Lagerhaus, das auf Pfeilern steht (wieder aufgebaut vom Golfclub, natürlich), in ein Naturreservat. Durch einen urigen Märchenwald (oder einen märchenhaften Urwald) geht es zu einem weiteren perfekten Badeplatz. Die Sonne scheint, die großen Steine sind rund und bequem, wir haben ein Picknick dabei, es ist noch reichlich Tee in der Kanne. Ich ziehe sogar meine Blundstones und die Wollsocken aus. Das bedeutet: es ist Sommer!

Die Strandpromenade vor Göteborg sieht aus wie gemalt. Es ist kein Strand im herkömmlichen Sinne, sondern eben diese felsige Küste und auf den Felsen stehen kleine Holzhäuschen. Badehäuser, Umkleidekabinen oder Ferienhäuser, in denen man nur aufrecht schlafen kann.

In Stadtnähe nimmt der Verkehr zu, eine Art Fahrradautobahn führt durch die Vororte – sehr lange ohne Ampel.

 

In Göteburg stellt sich die Frage: Wo endet der Kattegattleden? Meine Theorie: Am Bahnhof, dort endet die Beschreibung aus dem Netz. M. sieht aber noch Schilder und fährt weiter. Wir irren durch Göteborg, über Kopfsteinpflaster, zwischen Touristen und Straßenbahnen hindurch. Auf der Suche nach dem Endpunkt des Weges. Und einem Hotel.

Beides finden wir nicht einfach so.

Die Hotels, in denen M. fragt, sind ausgebucht – oder sie haben keine Abstellmöglichkeit für Fahrräder. Besonders schade ist das beim Avalon, das einen Pool auf dem Dach hat, mit durchsichtigen Wand zur Stadt hin. Von dort könnte M. vielleicht die Räder im Auge behalten?

Immerhin einigen wir uns auf den Endpunkt der Tour: ein Foto vor dem „Konstmuseum“ scheint uns ein angemessener Abschluss zu sein.

 

Ein norwegisches Paar spricht uns auf die Fahrräder an und fotografiert uns. Falträder mit Gepäck, das ist selten.

 

Ein Hotel vermittelt uns die Touristinfo: Das Hotel Royal (www.hotel-royal.com) liegt nur ein paar Schritte entfernt. Der dezent graublau gestrichene Bau ist das älteste Hotel der Stadt. Die freundliche Dame an der Rezeption schließt uns den Innenhof auf, dort parken wir die Räder. Vorbei an der Tee- und Kuchenstation geht es durch ein stilvolles, etwas knarziges Treppenhaus ins Zimmer mit Fischgratparkett.

Mit einer Dusche und frischem Outfit bereiten wir uns auf den Wiedereintritt in die Zivilisation vor. In der Lobby planen wir bei Kaffee und Chai den Abend.

Meine Göteborg-Tipps bekommen einen eigenen Blog-Eintrag.

 

Kilometer: 62,2

Höhenmeter: 360

Fahrtzeit: 4:45 h

 

Mittwoch, 2.8.:

Abreise mit der Fähre: Die „Germanica“ der Stena Line (www.stenaline.de/skandinavien/unsere-schiffe) bringt uns von Göteborg nach Kiel. Die Fahrräder haben einen eigenen kleinen Fahrradraum, wir eine Innenkabine mit Etagenbetten. Eine Kreuzfahrt ist etwas ganz anderes! Aber die Ausfahrt durch den Schärengarten bietet tolle Ausblicke. Da wollen wir das nächste Mal hin: Inselhopping, natürlich wieder mit dem Faltrad.

 

Die ganze Route des Kattegattleden und konkrete Tipps auf kattegattleden.se/de

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