IN EINEM GOLDENEN LAND

Myanmar ist magisch: voller Tempel und Pagoden und in einen sanften Schimmer getaucht. Blinkende Heiligenscheine über den Buddha-Statuen lenken von der Armut ab – und davon, dass die Demokratie in dem Vielvölkerstaat bislang nur ein zarter Hoffnungsschein ist.

Wenn die Sonne über dem Tempelfeld von Bagan versinkt, wenn die Fischer auf dem Inlesee mit einem Bein das Ruder schwingen, wenn die Schritte auf der langen Teakholzbrücke verhallen, wenn tausende Buddhas in der Marmorstraße von Mandalay ein Gesicht bekommen, wenn Lotusstängel zu Seide werden, wenn die Shwedagon-Pagode im Abendlicht leuchtet, wenn auf dem Inle-See Lotus zu Seide wird – dann ist es Zeit, still zu sein und zu staunen. Myanmar ist voller magischer Momente.

 

Ein goldener Schimmer liegt über dem Land. Das Licht ist sanft, vor allem in den Abendstunden. Aber das ist es nicht allein: Tausende von Tempeln und Pagoden funkeln im ehemaligen Burma. Allen voran die Shwedagon-Pagode in Yangon. Hier ist alles Gold, was glänzt.

 

"Schuhe und Strümpfe ausziehen!", ordnet Nang, unsere Reiseleiterin, an. Die buddhistischen Heiligtümer dürfen nur barfuß betreten werden, dafür aber mit bedeckten Schultern und Knien. Beim Sitzen ist darauf zu achten, dass die Fußsohlen nicht in Richtung eines Buddhas oder Mönches zeigen. "Keine Sorge: Alle sind willkommen!", beruhigt uns der Pagodenverwalter. Der von der Sonne des Tages aufgeheizte Boden wärmt unsere Füße, um uns herum herrscht leises Gewusel. Im Uhrzeigersinn umkreisen wir die Pagode, drumherum stehen die Altare für die acht Wochentage. Acht, denn der Mittowch ist in Vor- und Nachmittag unterteilt. Die Gläubigen gehen zu dem Wochentag, an dem sie geboren sind. Und sie spenden.

 

Burma ist das Top-Spendenland. Spenden verbessert das Karma. Und nicht nur das: Buddha hat 32 besondere Merkmale, eines davon ist die goldene Haut. Wer schöne Haut haben möchte, gibt Gold. Etwa 3,8 Tonnen sind so in der "Seele von Yangon", wie die Shwedagon-Pagode auch heißt, zusammengekommen.

 

Findige Geschäftsleute haben vor ein paar Jahren einen elektrischen, blinkenden Heiligenschein erfunden – und gespendet. Was gespendet wurde, darf man nicht wegnehmen. Eine raffinierte Marketing-Maßnahme: Das Blinkeding war somit wunderbar platziert und bald kamen Interessenten, die auch so etwas haben wollten. Über 90 Prozent der Einwohner Myanmars sind gläubige Buddhisten.

 

Eine jahrzehntelange Militärdiktatur hat die ehemalige britische Kolonie zu einem der ärmsten Länder der Welt werden lassen. Doch seit 2011 lässt öffnet sich Burma politisch und wirtschaftlich. Aung San Suu Kyi, respektvoll "The Lady" genannt, holte mit ihrer Nationalen Liga für Demokratie bei den ersten freien Wahlen 80 Prozent der Stimmen.

 

Burma gilt als "armes reiches Land": "Burma ist nicht arm, der Reichtum ist nur ungerecht verteilt", klärt uns Nang auf.

 

Das wird sich in Zukunft wohl eher verschärfen. In Yangon gibt es Niederlassungen von BMW und Mercedes, in den Dörfern sehen wir Mopeds und Zebu-Karren. Das Leben ist vielfätig: die etwa 52 Millionen Einwohner setzen sich aus 135 verschiedenen ethnischen Gruppen zusammen und sprechen ebenso viele verschiedene Sprachen und Dialekte.

 

Fahrradrickschas bringen uns ins Strand Hotel, ein Prachtbau aus der Kolonialzeit. Dort treffen wir Ma Thanegi, 70, einst enge Mitarbeiterin der "Lady". Sie fragt sich: "Wie sollen wir mit der Demokratie umgehen? Dafür muss man doch diskutieren!" Das, meint sie, müssten die Menschen in Burma noch lernen. Das braucht Zeit. Aber: "Wir sind sehr geduldig."

 

Viele der alten Kolonialgebäude in Yangon verfallen, stehen leer, werden von Pflanzen überwuchert. An anderen Stellen schießen Neubauten empor. Nachts, werden wir gewarnt, sollten wir nur mit Taschenlampe rausgehen – wegen der tiefen Löcher in den Gehwegen.

 

Am Flughafen pappt uns Nang bunte runde Aufkleber auf die T-Shirts – das sind unsere Bordkarten. Darauf: Drei Hexen, die auf Besen reiten, so sieht der leicht verwischte Druck jedenfalls aus. Wir steigen in einen Bus, um 50 Meter zu fahren, dann wieder auszusteigen und zu Fuß weiter zum Flugzeug zu gehen. Das Bordpersonal hat zum Glück keinerlei Ähnlichkeit mit den Hexen auf dem Aufkleber. Eine Stewardess lächelt besonders freundlich. "Baby Moon" steht auf ihrem Namensschild. Sie verteilt Bonbons.

 

Auf dem Markt bei Bagan kommt eine Frau mit einem Korb in der Hand auf mich zu. Sie will mir Bücher verkaufen: "Tage in Burma" von George Orwell und "Der Glaspalast" von Amitav Gosh. Auf deutsch. Die Frau lächelt und streicht mir sanft eine gelbe Paste auf die Wangen. Thanaka, gemalene Baumrinde, mit Wasser angerührt, für die Schönheit und als Sonnenschutz, sehr beliebt.

 

Der Tourismus entwickelt sich rasend. 2004 kamen ungefähr 200.000 Gäste ins Land, 2014 waren es schon drei Millionen Touristen. Wie Thailand vor 30 Jahren sei es hier, schwärmen erfahrene Backpacker. Aber sie klagen auch über die Hotelpreise, die allein im vergangenen Jahr um 200 Prozent gestiegen sind. Viel Nachfrage, wenig Angebot.

 

Das Angebot auf dem Markt dagegen ist bunt: Gemüse, Fisch, Hühnerklein (ungekühlt), große offene Tonnen mit Öl (das könnte eine Tankstelle sein), geflochtene Plastikkörbe, karrenweise Melonen, Betelblätter und Longyis in allen Farben. Das sind die traditionellen Wickelröcke. Frauen wickeln ihren Longiy um die Taille und binden ihn seitlich mit einem Band, Männer steigen in einen Stoffschlauch und knoten diesen in der Mitte vor dem Bauch. Dazu wird eine Bluse oder ein Hemd getragen. In Burma wird viel Wert auf ordentliche Kleidung gelegt.

 

Am Abend steigen wir in eine Pferdekutsche und fahren nach Alt-Bagan. Von der historischen Königsstadt sind nur noch die Pagoden übrig. Aber was heißt nur? Nach aktueller Zählung sollen es 3180 Pagoden sein, manche nur noch Steinhaufen, andere neu aufgebaut. Auf sandigen Wegen fahren wir vorbei an Bussen und Elektorrädern, an Ochsenkarren und durch Ziegenherden. Und lernen den Unterschied zwischen Tempel und Pagode: in einen Tempel kann man hineingehen, in eine Pagode nicht. Aber hinauf. Dort sind wir wieder barfuß, aber nicht alleine. Thailändische und koreanische Touristen schießen Selfies, Souvenirverkäufer preisen ihre Waren an. Beim Sonnenuntergang wird alles still. 36 Quadratkilometer misst diese größte archäologische Stätte Südostasiens. Die friedliche Kraft, die von ihr ausgeht, ist nicht zu messen – aber zu spüren. Gestern, heute und morgen verbinden sich zu Ewigkeit und Vergänglichkeit. Wir sind ein Teil von allem.

 

Der Bus, liebevoll mit Rüschengardinen dekoriert, fährt holpernd und wippend über Land. Vorbei an Garküchen am Straßenrand und roter Erde. Zu einer Tropfsteinhöhle mit tausenden Buddha-Figuren. ("Nur einmal Schuhe ausziehen für so viel zu sehen!"). Zu einer Manufaktur für Papierschirme. Für Palmzucker. Für Lackwaren. Bei den Toiletten-Stops lernen wir Nangs feine Ankündigungen zu unterscheiden – zwischen: "Kann man empfehlen" und "Kann man gehen". Und wir schätzen den nie versiegenden Informationsfluss. Bald wissen wir alles über Niederschlagsmengen in den verschiedenen Landesteilen (wenig in Mandaly und Bagan, viel in der Gegend von Yangon), die Anzahl der Pagoden (vermutlich eine halbe Million) und der Buddha-Figuren (ca. zwei Millionen, Tendenz steigend), die 37 Nats (eine Art Geister, die auf dem Mount Popa wohnen), Zebu-Gesetze (Zebus unter 30 Jahren dürfen nicht geschlachtet werden), eingelegte Senfblätter (eine Spezialität) und den Inle-See, der, so haben Forscher angeblich herausgefunden, nur noch 550 Jahre existieren wird.

 

In motorisierten Langbooten knattern wir zu den Stelzendörfern mitten im See. Wir passieren Einbeinruderer, Fischer, die ihre Boote geradezu akrobatisch lenken. Schwimmende Gärten, auf denen Tomaten angebaut werden. Das Leben findet auf dem Wasser statt. In einem der Häuser sitzen Frauen auf dem Boden und drehen im Akkord Zigarren, die Cheerots. Für 1000 Stück gibt es 3 Dollar, Daw Win Ma schafft aber nur 700 am Tag. Sie selbst raucht nicht, das könnte sie sich gar nicht leisten.

 

Ein paar der Dörfer leben von der Weberei. 10.000 Webstühle soll es auf dem See geben. Hier wird die einzigartige Lotusseide hergestellt, der kostbarste Stoff der Welt. Eine der Weberinnen zeigt uns, wie sie aus den Lotusstengeln Fäden zieht. Sie bindet mir einen der grauen, unscheinbaren Fäden ums Handgelenk und lächelt. Ein Freundschaftsarmband. Ein Zeichen der Hoffnung.

 

Zu der wundervollen Reise wurde ich eingeladen von Gebeco, www.gebeco.de