Irrungen, Wirrungen: Mit dem Rad auf Fontanes Spuren im Ruppiner Seenland

Prächtige Schlösser, zauberhafte Natur und exakt geplante Städte: Das Ruppiner Seenland ist voller Überraschungen. Theodor Fontane stammt aus dieser Region, seine Werke haben hier zahlreiche Anknüpfungspunkte. Wir folgen dem Fontane-Radweg auf den Spuren des Dichters. Und wie gefällt das meinem mitradelnden Fontane-Ignoranten? Dank des Hörbuchs „Irrungen, Wirrungen“ und den vielen schönen Badeplätzen: ganz vortrefflich!

Fontane-Denkmal in Neuruppin, Fahrrad mit Packtaschen
Da sitzt er: Fontane-Denkmal in Neuruppin

Fontane & ich

Die Geschichte der Zuneigung ist lang: In der Schulzeit, also vor über 30 Jahren, las ich „Effi Briest“. Und war von Anfang an fasziniert von den subtilen Andeutungen, von Fontanes Kunst der Dialoge und seiner Fähigkeit, Dinge zwischen den Zeilen auszudrücken. Ich erinnere mich, dass ich mehrfach zurückblättern musste: Hatte Effi wirklich eine Affäre mit Major Crampas? Hatte ich da was überlesen? Und dann diese Spannung zwischen gesellschaftlichen Konventionen und der freiheitsliebenden Effi! Diese überbordende Symbolik! Der Roman machte mir schlechte Laune – aber er gefiel mir sehr. Ich wurde zum Fontane-Fan.

Effi Briest las ich immer wieder (trotz wiederkehrender schlechter Laune), das Gedicht „John Maynard“, inspiriert von einer Zeitungsnachricht, lernte ich auswendig. Und bei jeder Birne, in die ich biss, dachte ich an „Herrn von Ribbeck“.

Deshalb war ich begeistert, als ich von der FONTANE.RAD-Route las. Eine Tour wie für mich gemacht!

FONTANE.RAD – Informationen zur Route

2019 feierte Brandenburg den 200. Geburtstag des Autors – und schuf die Route FONTANE.RAD. Die Strecke führt durch das Havelland und das Ruppiner Seenland an die Orte, die Theodor Fontane als Vorlage für seine „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ und andere Werke dienten, aber auch zu Stationen seiner Lebensgeschichte.

Etwa 300 Kilometer ist die Strecke lang, Informationstafeln an rund 60 Fontane-Orten geben Auskunft über Geschichte und Geschichten. Bezaubernd sind die kommentierenden Zitate von Emilie Fontane, seiner Ehefrau, auf den Tafeln.

Es gibt acht Etappen, sieben Tagestouren und zwei Variante. Ich brauchte ein bisschen, um das Prinzip zu verstehen (ein intensiver Blick auf die Karte hilft da ungemein), aber dadurch lässt sich die Route abwechslungsreich und individuell zusammenstellen.

Informationen zur Route auf fontanerad.de

Unsere Reise begann im Havelland – hier geht es zum Reisetagebuch:

Ein weites Feld: Mit dem Rad auf Fontanes Spuren im Havelland

Reisetagebuch, Etappe 1: Fontanestadt Neuruppin

Es wartet Neuruppin auf uns, die „Fontanestadt“. Diesen Titel trägt Neuruppin seit dem 100. Geburtstag des Dichters. Der See ist groß, die Gehwege sind breit, die Stadt ist von aufgeräumter Pracht. Im 17. Jahrhundert ist sie abgebrannt, wurde dann nach Plan neu aufgebaut. Neuruppin ist angeblich „die preußischste aller preußischen Städte“. Fontane sprach von Platzverschwendung, die bei einer solchen Provinzstadt doch bedenklich sei. 
 Und es gibt sehr viele Infotafeln.

Das Denkmal: Fontane sitzt, lässig hingegossen, Notizbuch in der Hand, den Schal (den er wohl immer trug), über eine Mauer gelegt. Man möchte sich glatt zu ihm setzen, auf eine kleine Plauderei.
Dem Bildhauer Max Wiese Modell gesessen hat übrigens Fontanes Sohn Friedrich

Die Stadt wurde nach einem großen Brand 1787 streng klassizistisch angelegt. Eine breite Sichtachse (Karl-Marx-Str. Heute), Querabzweigungen. Fontanes Geburtshaus (noch heute eine Apotheke, im Schaufenster Werbung für ein Mittel gegen Fußpilz, hoffentlich blieb der Wanderer Fontane davon verschont, man zieht ja sofort gedanklich Verbindungen), Fontanes Gymnasium. Eine Fontane-Buchhandlung. Bei der Einfahrt in die Stadt, fast vergessen: Fontane Döner & Pizza. Wir haben sie nicht ausprobiert, aber Fontane ist auf seinen Wanderungen bestimmt eingekehrt …


Altes Gymnasium, Neuruppin, Ruppiner Seenland, Brandenburg
Altes Gymnasium in Neuruppin: Hier ging Theodor Fontane zur Schule

Fontane über Neuruppin:

„Ruppin hat eine schöne Lage – See, Gärten und der sogenannte »Wall« schließen es ein. Nach dem großen Feuer, das nur zwei Stückchen am Ost- und Westrande übrigließ (als wären von einem runden Brote die beiden Kanten übriggeblieben), wurde die Stadt in einer Art Residenzstil wieder aufgebaut. Lange, breite Straßen durchschneiden sie, nur unterbrochen durch stattliche Plätze, auf deren Areal unsere Vorvordern selbst wieder kleine Städte gebaut haben würden. Für eine reiche Residenz voll hoher Häuser und Paläste, voll Leben und Verkehr mag solche raumverschwendende Anlage die empfehlenswerteste sein, für eine kleine Provinzialstadt aber ist sie bedenklich. Sie gleicht einem auf Auswuchs gemachten großen Staatsrock, in den sich der Betreffende, weil er von Natur klein ist, nie hineinwachsen kann. Dadurch entsteht eine Öde und Leere, die zuletzt den Eindruck der Langeweile macht.“

Zwischen Fontanes Geburtshaus und seinem Gymnasium liegt Polly's Eismanufaktur,. Das Apostroph ist im Osten obligatorisch, Hier bekomme ich endlich das Birnenprodukt, dass mir in Ribbeck verweigert wurde (bzw. dem ich mich dort verweigerte.): Birnensorbet. Eis. Lecker Eis! Herr von Ribbeck hätte es bestimmt geliebt. Hinterm Tresen nicht Polly, sondern Anna. Sie betreibt die Eismanufaktur gemeinsam mit ihrem Mann, der Name ist einer Zusammensetzung ihrer Nachnamen. „Ich finde Eis spannender als Konditorei“, sagt Anna. „Da muss so viel dekoriert werden …“. Beim Eis geht die ganze Kreativität in den Geschmack. Richtig so!



Polly's Eisdiele in Neuruppin, Brandenburg
Hanna betreibt mit ihrem Mann zusammen Polly's Eisdiele in Neuruppin

Tipp: Polly’s Eisdiele, pollyseisdiele.de

Sehr schön auch: Molchow. Fontane fand den Namen zwar etwas düster, aber den Ort, eines der seltenen Runddörfer in Brandenburg, sehr charmant. Und das ist er immer noch. Ein baumbestandener Dorfplatz (mit einem winzigen gelben Fontane darauf), ein rätselhafter Glockenturm (aber keine Kirche, natürlich gibt es dafür eine Erklärung. die ist auf der Infotafel zu lesen), nur die Autos stören das Bild etwas. Nicht weit entfernt eine Badestelle. Weiter durch Wälder, voll mit Datschen, zum Campingplatz nicht am Zermützel-, sondern am Tornowsee.


„Wer in der Mark reisen will, der muss zunächst Liebe zu "Land und Leuten" mitbringen, mindestens keine Voreingenommenheit. Er muss den guten Willen haben, das Gute zu finden, anstatt es durch krittliche Vergleiche totzumachen."

Theodor Fontane

Tornowsee im Ruppiner Seenland, Boot, Brandenburg
Abends am Tornowsee im Ruppiner Seenland

Reisetagebuch, Etappe 2: Rheinsberg und Großer Stechlinsee

Der Campingplatz ist eher so funktional, die Badeschuhpflicht im Waschraum wird ernster genommen als die Maskenpflicht. M. nimmt noch rasch ein Bad im Tornowsee. Ich lag frühmorgens wach, ich glaube, ich habe eine Nachtigall gehört. M. lag spätabends wach, er hat das Paar im Zelt nebenan streiten gehört. 
Wir radeln durch den Wald, machen einen Abstecher zur Boltenmühle, die Fontane in einem Gedicht erwähnte. Jetzt Ausflugsgastro und Hotel mit Wellness.
 Binenwalde und die Sabinensage verpassen wir irgendwie.

Auf dem Weg liegen die Braunsberger Höfe, die sind ein hübscher Tipp zum Übernachten. Der Hofladen hat leider zu.

Schild am Eingang, Braunsberger Höfe, Ruppiner Seenland, Brandenburg
Liebe zum Deatail: Braunsberger Höfe

Tipp: Braunsberger Höfe, Ferienwohnungen und Hofladen, braunsberger-hoefe.de

Dann: Rheinsberg. 1740 abgebrannt, wieder aufgebaut, ein Beispiel frühklassizistischer Stadtplanung, so ähnlich wie Neuruppin klingt die Geschichte, aber Rheinsberg wirkt viel provinzieller, bloß irgendwie aufgebohrt für den Tourismus.

Die Tipps – die Marmeladen-Manufaktur Marmelo und das Veggie-Café Grünzeugs – haben leider geschlossen. Die Dame in der Tourismus-Info dreht vor meiner Nase den Schlüssel in der Tür um, Mittagspause von 12.30-13.30 Uhr verkündet ein ausgedruckter Zettel, auf der Öffnungszeitentafel draußen am Gebäude war noch keine Rede davon. Okay, wir sollten vielleicht auch erst mal etwas essen. Wie Fontane, der Reiseprofi, das bei seinem Besuch getan hat.

Halt, erst noch Keramik gucken. Rheinsberg soll eine alte Keramikstadt sein, mit langer Tradition. In der Sanddornwelt in Werder gab es im Laden Porzellan mit Fontane-Birnbaum-Motiven. Sehr hübsch. Und, wenn ich mich richtig erinnere, aus Rheinsberg. 
Ich frage in der Keramikwelt, einer großen Verkaufsausstellung, die sich über mehrere langgestreckte Gebäude zieht. Mit diversen Arbeiten verschiedenster Keramikkünstler in den Holzregalen. Die Dame dort schüttelt auf meine Frage nach Fontane-Porzellan nur den Kopf und schickt mich weiter zum Keramik-Museum neben der Kirche. Zu Herrn Schink. Doch der hat nur ein paar Fontane-Becher, die er 2019 zum Fontane-Jahr entworfen hat. Er verweist mich ans Keramik-Hotel. Ein Hotel mit Keramik-Produktion, von außen recht schmucklos. Dort gibt es auch jede Menge Getöpfertes, alles handbemalt und Spül- und Mikrowellen-fest, wie der eifrige Herr an der Rezeption versichert. Aber Fontane? Nüscht. Tucholsky war übrigens auch hier, ihm hat die Stadt sehr gefallen, er hat sie in „Bilderbuch für Verliebte“ verewigt. Es muss an seiner Begleitung gelegen haben. Aber nach Tucholsky-Keramik frage ich lieber nicht.

Später stellt sich heraus: Eigentlich war alles mein Fehler: Die Fontane-Keramik wird in Rathenow hergestellt.

Fontane-Porzellan
Perfekt für Birnengerichte: Fontane-Porzellan

Tipp: HavellandKeramik Manufaktur von Klaus Handschuh, klaus-handschuh.de

Jetzt endlich was essen, bevor M.s Laune noch schlechter wird. Die Lokale hier (in der gesamten Gegend, nicht nur in Rheinsberg) sind sehr fleischlastig. Auch der Ratskeller, in dem Fontane einkehrte – noch bevor er die kulturellen Schätze der Stadt erkundete. Auf der Terrasse genoss er 1859 unter dem Blätterdach der Kastanien sein Frühstück. Heute steht als „Fontanes Leibgericht“ auf der Karte: Altbrandenburgischer Rinderschmorbraten mit Ingwersauce und Apfelrotkohl, dazu Kartoffelklöße mit Semmelbutter. Das hat der gute Mann zum Frühstück gegessen? Wohl kaum

Wir nehmen lieber das vietnamesische Asia-Sushi-Restaurant. Das hat viel Auswahl für Vegetarier und alles mit Geschmack. Und schräg gegenüber sehen wir eine hölzerne Giraffe auf dem Gehweg und einen Specht an der Hauswand – Werke des Bildhauers Tony Torrilhon.

Kunst von Tony Torrilhon, Rheinsberg
Aufgepickt: Specht vs. Kampfflugzeug – Kunst von Tony Torrilhon in Rheinsberg

Tipp: Das Atelier des Holzkünstlers und Bildhauer Tony Torrilhon, tony-torrilhon.de

Und nun: Das Schloss! Das, was Fontane überhaupt auf die Idee zu seinen „Wanderungen“ brachte.

Fontanes Inspiration

1858 schrieb Fontane aus Schottland, als er bei der Besichtigung des „Douglasschlosses“ im Kinroß-See (...) „an Rheinsberg und den Rheinsberger See dachte, stand es in meiner Seele fest, die Mark Brandenburg und ihre Schlösser und Seen zu beschreiben zu wollen.“ Aus diesem Impuls entstanden die vier Bände der „Wanderungen“ und der abschließende Band „Fünf Schlösser“.


„Ich bereise jetzt unsere märkisch-brandenburgische Heimat und durchstöbre (...) die alten Schlösser (...), dazu die kleinen märkischen Städte mit ihren Männern und ihren Erinnerungen.“ Fontane hoffte, so die märkische „Lokalität“, deren Reize weitgehend unentdeckt waren, „wie die Prinzessin im Märchen zu erlösen“.

Park, Schloss Rheinsberg, Ruppiner Seenland, Brandenburg
Im Park von Schloss Rheinsberg fand Fontane Inspiration

Okay, das Schloss ist beeindruckend. Jedenfalls von außen, rein gehen wir nicht. Die Lage am See! Der Park! Die Treppe zum See hin! Die Skulpturen im Park!
 Der Park soll eine Fingerübung Friedrichs des Großen für Sans Soucci gewesen sein. Sind die Figuren da im Park wirklich Musen? Eine von ihnen hat einen Schachturm in der Hand. Ein früher Hinweis auf das „Damengambit“?
 Ein Musikfestival wird vorbereitet. „Ich habe schon schlechtere Orte für Freiluftbühnen gesehen“, muss auch M. zugeben.

"Rheinsberg – wie schrieb Theodor doch so schön? Eine Stadt, deren Naturschönheiten nicht verächtlich und dessen historische Erinnerungen ersten Ranges sind."

Emilie Fontane

Hafendorf Rheinsberg, Ruppiner Seenland, Brandenburg
"Hafendorf" Rheinsberg: Das Motorboot direkt am Ferienhaus

M. hat da was auf der Karte oder im Netz oder irgendwo gesehen, deshalb radeln wir einen Schlenker. „Guck mal, da gibt es sogar einen Leuchtturm!“, sagt er, als ich wegen des Umwegs maule. Die Attraktion ist dann auch höchst bizarr: Das „Rheinsberger Hafendorf“ ist eine Ferienanlage, in der alle Häuser direkt am Wasser stehen und über einen eigenen Bootsanleger verfügen. Also eine künstliche Reihenhaussiedlung mit angeleinten Motorbooten davor. Die kann man in einem kleinen Büro mieten. Davor steht ein massiger Typ im Feinripp-Unterhemd, flankiert von kleinen, aber auch schon stämmigen Söhnen und einer passenden Frau, und ordert lautstark „was mit mehr PS“ für den nächsten Tag.

Der Leuchtturm ist übrigens auch nicht echt. Er sieht sogar aus, als sei er aus Plastik.

Großer Stechlinsee, Ruppiner Seenland, Brandenburg
Klares Wasser: Der Große Stechlinsee, kurz bevor M. eintaucht

Weiter Richtung Großer Stechlinsee, Namensgeber für Fontanes Roman „Der Stechlin“ (in dem auf 500 Seiten nicht viel passiert, wie Fontane selbst bemerkte) und größter Klarwassersee Norddeutschlands. Und wirklich: Sehr schön, sehr klar.
 Passend dazu natürlich der Name des Cafés, in das wir noch gerade rechtzeitig vor Schluss um 18 Uhr einkehren: Glasklar. Mit regionalen Produkten. Und sehr gutem NY Cheesecake.


Torte auf dem Teller, Café Glasklar, Neuglobsow, Großer Stechlinsee, Ruppiner Seenland, Brandenburg
Es dürfen gerne mehr Stücke sein: NY Cheesecake und Schoko-Himbeer-Torte im Café Glasklar

Tipp: Café Glasklar, Café und Regionalladen, cafeglasklar.de

Auch der Imbiss am Strand ist prima, die Pizza gibt es als halben oder ganzen Meter. Nein, kein Quadratmeter. Aber ordentlich und mit sehr viel Knoblauch (war gewünscht.)


Reisetagebuch, Etappe 3: Ein Traum von Seide

Wir entdecken die "Wilde Heimat", erfahren etwas über die Seidenproduktion in Brandenburg, naschen von Maulbeerbäumen und M. nimmt ein Bad hinter dem Bundesgästehaus in Meseberg

Campingplatz Wilde Heimat, Fürstenberg, Ruppiner Seenland, Brandenburg
Campingplatz-Idylle: "Wilde Heimat" in Fürstenberg

Wir haben auf dem Zeltplatz „Wilde Heimat“ in Fürstenberg übernachtet. So können Campingplätze also auch sein!
 Ein riesiges Gelände (ehemalige Faserfabrik, natürlich Rüstung, Zwangsarbeit, schlimme Geschichte dahinter, die Gedenkstätte Ravensbrück ist direkt in der Nähe), viel Platz für vereinzelte Kiefern, ein paar Oldschool-Busse, eine Jurte, eine Feuer-Hütte und eine ganz entzückende, zusammengezimmerte „Sommerküche“. Mit Tisch und Bänken auf Rädern, die man auf den alten Schienen verschieben kann – unters Dach oder in die Sonne. Und Tiny Houses, also: schicke Bauwagen. Alles entspannte, freundliche Menschen. Auf dem Grill in der Sommerküche sind nur vegetarische Gerichte erlaubt.

Sommerküche, Campingplatz Wilde Heimat, Fürstenberg, Brandenburg
Sommerküche draußen: Tisch und Bänke fahren auf Schienen in die Sonne

Tipp: Natur-Campingplatz "Wilde Heimat", wilde-heimat.de

Am nächsten Morgen – also: heute - bauen wir fix ab und machen es uns noch ein wenig in der Sommerküche gemütlich. 
Wir radeln über Altglobow, dort verkauft der Biohof Kepos (Tipp!) Gemüse zum Selbsternten. Es ist alles recht spät dran, der Mais ist wirklich noch sehr klein. Aber der Mangold, der sieht super aus. Man schneidet selbst, wiegt selbst ab und zahlt in die Kasse des Vertrauens.

Biohof Kepos, Ruppiner Seenland, Brandenburg
Selbstbedienung auf dem Biohof Kepos: Mangold bitte blattweise ernten

Tipp: Biohof Kepos, Obst und Gemüse zum Selbsternten und Ferienwohnungen, biohofkepos.de

Am Ortseingang von Zernikow erwartet uns ein Naturdenkmal: Die Maulbeerallee. Das sind die letzten Zeugen eines interessanten Unterfangens: Seidenproduktion. Ein Forstauto hält neben uns. Ein Mann im Ranger-Look steigt aus, pflückt ein paar Maulbeeren vom Baum und steckt sie sich in den Mund. „Könnt ihr essen!“, ruft er uns zu. „Schmecken lecker! Ein bisschen wie Brombeeren. Nehmt die dunklen!“ Wir probieren. Hmm, die sind süß. Er hat Recht: Lecker! „Ihr habt Glück, die sind gerade jetzt reif“, sagt er und braust davon.
 Die Maulbeerbäume stehen da, weil Seidenraupen ausschließlich Maulbeerblätter fressen. Ganz frische. Nassgeregnet dürfen sie auch nicht sein. Da sind die kleinen Biester ganz krüsch und zimperlich.

Kirsten Rick zeigt Maulbeere, Zernikow, Maulbeer-Allee, Brandenburg
Neue Erfahrung: Maulbeeren schmecken wie Brombeeren – lecker!

Im Gutshaus gibt es eine Ausstellung zur Geschichte der Seidenproduktion in Brandenburg. (Die alles in allem kein großer Erfolg war, die Produktion, nicht die Ausstellung.)
 Der Gutsverwalter empfängt mich und pustet vorsichtig gegen ein paar sehr unecht aussehende Falter, die in einer Pappkiste kauern. Sie bewegen sich. Sie leben! Sie sind echt. Maulbeer-Seidenspinner sind flugunfähig. Eigentlich sitzen sie nur herum und legen Eier.
Die Seidenraupen im Karton nebenan sehen etwas agiler aus. „Die haben wir hier, um das Ganze ein wenig anschaulicher zu machen“, so der Verwalter. „Wenn ich Feierabend habe, nehme ich sie mit nach Hause.“ Warum das? “Sie müssen ständig versorgt werden. Sie brauchen immer frische Blätter.“

Maulbeer-Seidenspinner, Falter, Zernikow
Seltsame Falter: So richtig echt wirken die Maulbeer-Seidenspinner nicht. Sind sie aber.

Die Seidenproduktion begann in Brandenburg kurz nach dem 30jährigen Krieg und sollte der Region Renommee bringen. Geglückt ist das nicht so recht. Die Produktionsmengen blieben stets weit hinter den Erwartungen zurück, die Zucht und Haltung der Tiere erwies sich als schwierig und störungsanfällig. Die Maulbeerblätter reichten nicht, die Raupen starben, das bisschen Seide, das produziert wurde - die sogenannte „Landseide“ – reichte gerade mal an die schlechteste (italienische) Qualität heran.

"Mein Gott, wie kommt man denn darauf, mitten im Ruppiner Land Raupen zu züchten?"

Emilie Fontane

Die Maulbeerbäume zu beschädigen wurde unter Strafe gestellt, es wurden mehr und mehr gepflanzt. Zwischendurch wurde die Seidenproduktion aufgegeben, aber immer wieder aufgenommen. Im 19. Jahrhundert, unter den Nazis (die haben die Kinder belogen, die fleißig Seidenraupen züchteten und ihnen weisgemacht, dass aus 15.000 Kokons ein Fallschirm hergestellt würde. Das stimmte aber nicht, in Wahrheit wurde Rohseide mit U-Booten aus Japan importiert). Selbst in der DDR wurde weitergezüchtet, es gibt da sehr hübsche Fibeln und sogar ein Quartett mit gereimter Zuchtanleitung.


Hach, ich mag so etwas: Eine Geschichte der Misserfolge!

Gut Zernikow, Ruppiner Seenland, Brandenburg
Gut Zernikow: drinnen ist die Ausstellung zur Seidenproduktion

Im Falafel-Garten bekommen wir Mittagessen. Der Betreiber ist sonst mit seiner Bude auf Festivals unterwegs. Da diese gerade nicht stattfinden, hat er den Wagen in seinem Garten aufgestellt, dekoriert die Portionen sehr ansprechend und erklärt auch einem etwas skeptischen älteren Herrn, was er da essen könnte – nämlich Kichererbsenbällchen

Das Bric a Brac auf dem Gutshof-Gelände in Zernikow hat leider geschlossen.

Überhaupt ist unser Timing selten brillant, oft stehen wir vor verschlossenen Türen. So auch beim Schlosswirt in Meseberg.


Schloss Meseberg, Ruppiner Seenland, Brandenburg
Gut gesichert: das Bundesgästehaus Schloss Meseberg

Das Schloss selbst, Gästehaus der Bundesregierung, ist hervorragend mit sehr hohen Zäunen und Kameras gesichert. Aber vom Ufer des Sees hat man einen wundervollen Blick darauf – und M. eine prominente Badestelle ganz für sich allein. Nur die Kameras der Regierung schauen zu. Und ich natürlich.

Schloss Meseberg, See, Ruppiner Seenland, Brandenburg
Badestelle hinter Schloss Meseberg: Wer entdeckt M.?

Gransee, „die festeste Stadt der Grafschaft Ruppin“, wie Fontane meinte, wirkt dagegen etwas freudlos. Trotz schöner Anlage. Das Luisendenkmal ist zwar von Schinkel (der auch aus der Gegend stammt), aber schlecht zu fotografieren. Dabei war Königin Luise von Preußen, die mit nur 34 Jahren starb, doch die wahre „Königin der Herzen“. Trotzdem: Gransee wirkt auf uns finster. Und der Campingplatz sieht voll, eng und abschreckend aus. Wir finden ein hübsches Plätzchen mit einer Badestelle auf der Halbinsel von Alt-Ruppin.


Etappen-Info: Fontane.Rad Hauptroute, Teile von Etappe 2 und 3, 79,18 Kilometer

Reisetagebuch, Etappe 4: Neuruppin und das Sanssouci der Pferde

Wir starten in Alt-Ruppin, das praktischerweise nicht weit entfernt von Neuruppin liegt. Ein zeitneutrales Ruppin können wir nicht ausmachen.

In Neuruppin nehmen wir uns noch ein wenig Zeit für einen Rundgang. Wir schlendern an der Uferpromenade entlang und quer durch die Stadt zum Tempelgarten. „Hier schuf sich Kronprinz Friedrich, der spätere Friedrich der Große, außerhalb der Stadtmauer einen Ort für Geselligkeiten, zum Musizieren, für Gespräche im Freundeskreis und für den Anbau von Obst und Gemüse“, heißt es.

Tempelgarten in Neuruppin, Ruppiner Seenland, Brandenburg
Gut bedacht: Tempelgarten in Neuruppin

Ein schöner Ort ist auch die Fontane-Therme, deren hölzerne Sauna auf einem Steg weit in den See hineinragt.

Neuruppin, Fontane-Therme, See-Sauna, Ruppiner Seenland, Brandenburg
Drinnen geht es heiß her: See-Sauna der Fontane-Therme

Zwischen Feldern entlang führt uns der Radweg. Die Landschaft ist weitläufig, im Hintergrund drehen sich Windräder. Ab und an starren uns ein paar Kühe von der Seite an. Steigen wir ab, machen sie sich davon, als sei nichts gewesen. Zutraulich sind sie nicht.

Kühe auf der Weide, Ruppiner Seenland, Brandenburg
Schüchterne Kühe am Wegesrand

In Neustadt (Dosse) steht das „Sanssouci der Pferde“: das Brandenburgische Haupt- und Landesgestüt. Das schlossähnliche Landesstallmeisterhaus, eine Perle preußischer Baukunst, beherbergt ein kleines Museum, in dem wir mehr über die über 230jährige Geschichte der Anlage und ihrer vierbeinigen Stars erfahren. Diese selbst scheinen gerade nicht zuhause zu sein – vermutlich machen sie es sich in der Sommerfrische auf der Weide gemütlich. Oder sie sind in Trauer: Zwei Wochen vor unserem Besuch ist „Stempelhengst“ Quaterback gestorben. Der Fuchs mit den federleichten Gängen wurde nur 18 Jahre alt. Was für ein Verlust!

Sanssouci der Pferde: Landes- und Hauptgestüt in Neudstadt (Dosse), Ruppiner Seenland, Brandenburg
Sanssouci der Pferde: Landes- und Hauptgestüt in Neudstadt (Dosse)

Wir radeln noch einen kleinen Schlenker weiter auf der Variante1/Tagestour 5, bis nach Kyritz an der Knatter. Diesen Namen verdankt das kleine Städtchen nicht etwa einem Fluss, sondern, so sagt man, den einst vielen knatternden Mühlen.

Die Gegend zeigte sich Fontane von ihrer einsamsten Seite. Er fand die Strecke ausgesprochen trist. Wir genießen die menschenleere Weite auf unserem Weg Richtung Elbe, zurück ins Wendland. In Plattenburg – mitten im Nichts – stoßen wir noch auf "die schönste Wasserburg Norddeutschlands". Im "Kurort" Bad Wilsnack essen wir noch eine Pizza aus dem Karton (Verschwörungserzähler hielten die Sitzplätze belegt.)

An einer Badestelle an einem Fluss namens Karthane endet unsere Reise auf den Spuren von Theodor Fontane. Abends im Zelt hören wir noch das letzte Kapitel des Romans "Irrungen, Wirrungen". Nein, die Liebenden kriegen sich nicht. Sie finden nicht ihr großes Glück. Sie fügen sich in ihr Schicksal.

Das ist bitter, aber auch so fein beobachtet. M., der die Reise noch als Fontane-Ignorant begann, ist jetzt auch Fontane-Fan.

Blick aus dem Zelt, Fahrrad mit Packtaschen
Fontane ist gewandert, wir waren mit Rad und Zelt unterwegs – schneller, aber doch in Ruhe

Mehr Informationen zum Ruppiner Seenland auf

ruppiner-seenland.de

Informationen zur Route auf fontanerad.de

Fontane-Radtour: Karte und Tourguide

Landkarte Fontane-Radweg, Brandenburg
Sehr hilfreich: Die Karte und der Tourguide mit den Etappen zum Fontane-Radweg. Mehr dazu auf fontanerad.de

Hier geht es zum ersten Teil der Radreise:

Ein weites Feld: Mit dem Rad auf Fontanes Spuren im Havelland