Ein weites Feld: Mit dem Rad auf Fontanes Spuren im Havelland – alle 5 Etappen

"Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“: Wer kennt es nicht, das berühmte Gedicht von Theodor Fontane über den birnenverschenkenden Gutsherrn? Mein Mitfahrer M., das musste ich während unserer Tour entlang der Havel feststellen. Aber auch der wurde noch zum Fontane-Fan auf unserer Radreise durch das Havelland. Ein Ausflug auf Havel- und Fontane-Radweg durch malerische Natur und beeindruckende Städte, stets begleitet von Literatur und Geschichte. Am Wegesrand: zahlreiche schöne Badeplätze!

Reisetagebuch, 1. Etappe: Zwischen Elbe und Havel

Im Wendland starten wir, dort ist Fontane noch fern. Vorbei an vielen gelben Holz-X (Symbol des Widerstands gegen das geplante Atommüll-Endlager in Gorleben, das nun zum Glück nicht zum realisiert werden soll) und durch die Neemitzer Heide, die jetzt im Juli noch nicht blüht.

Der Elberadweg führt uns entlang des breiten Stromes und durch weite Wiesen Richtung Havelmündung – und dort auf den Havelradweg.

Bei Wittenberge überqueren wir die Elbe, ganz langsam, denn an der Brücke, die wir uns mit Bahngleisen teilen, wird gebaut. Schon von weitem grüßt uns der Uhrturm des ehemaligen Singer-Nähmaschinenwerks. Auf der Bahnfahrt Hamburg-Berlin bin ich schon oft durch Wittenberge gefahren (nicht zu verwechseln mit der Lutherstadt Wittenberg).

An der Elbuferpromenade machen wir ein Picknick, im Hintergrund der Backsteinkomplex der Alten Ölmühle. In dem Industriedenkmal ist nicht nur ein Hotel mit großem Wellness-Bereich untergebracht, sondern auch Restaurants (neu: Das vegane Restaurant „Mahl anders“) und sogar ein Indoor-Kletterturm und ein Tauchturm.

Alte Ölmühle Wittenberge, Fahrrad mit Packtaschen
Picknick vor der Alten Ölmühle in Wittenberge

Tipp: Ölmühle Wittenberge, oelmuehle-wittenberge.de

Wir fahren viel auf dem Elbdeich entlang, was nicht heißt, dass wir immer die Elbe sehen. Die grüngrasige Auenlandschaft ist so groß, so weitläufig, dass der Blick weit über die Landschaft schweifen kann. Der Weg führt mitten zwischen Elbe und Havel entlang, über uns kreisen und stehen immer wieder Greifvögel. Ein besonders großer Vogel fliegt auf, als wir uns ihm nähern. Am Rande des Radweges lässt er seine Beute zurück - ich meine, den Lauf eines erlegten Lammes zu erkennen. Der Rest ist Gemetzel. Was war das für ein riesenhafter Vogel?

Die Havel, von der Quelle bis zur Mündung – so wird der Havelradweg beworben. Wir beginnen einfach bei der Mündung, fahren in die andere Richtung. Kein Problem, schlimme Steigungen sind nicht zu erwarten.

Erst um 21.30 Uhr erreichen wir Havelberg. Die historische Altstadt liegt auf einer Havelinsel, der Campingplatz auf einer anderen, beide sind durch Brücken verbunden. Es ist spät, die Restaurants winken ab. Akropolis: schon geschlossen. Viet-Thai: nur to go, nur noch Bratnudeln. Dann also so. Eine Portion Bratnudeln am Hafen, danach noch eine Pizza vom Pizza-Döner. Nach 108 Kilometern haben wir einfach Hunger. Obwohl M. vorhin noch meinte, ein paar Nüsschen würden ihm auch reichen.

Auf dem Campingplatz treffen wir ein Paar, uns ähnlich, mit Rädern und Zelt unterwegs, aber sie kommen aus der entgegengesetzten Richtung. Der Mann ist Fontane-Fan, wir schwärmen gemeinsam etwas von der Detailverliebheit der Romane.

Havelberg, Havel, Flussblick, Havelland, Brandenburg
Abendstimmung in Havelberg (hier mehr Havel als Berg)

Reisetagebuch, 2. Etappe: Havelberg, Rathenow und der schönste Biwakplatz an der Havel

Erste Hinweise auf Fontane: Wegweiser, auf denen "Ein weites Feld" steht – ein Zitat aus Effi Briest! Dazu alte Herrscher als Postkartenautomaten, märkische Männer und ein idyllischer Biwakplatz an der Havel

Havelberg, Denkmal
Havelberg: Denkmal und Postkartenautomat zugleich. Man beachte den Münzeinwurfschlitz im Orden.

Ein Spaziergang durch Havelberg. Der Dom ist wirklich imposant, der Klostergarten ganz entzückend. (Er wurde im Rahmen der Buga 2015 schick gemacht). Vor dem Dom stehen in Bronze der preußische „Soldatenkönig“ Friedrich Wilhelm I. und Zar Peter der Große. Der Soldatenkönig hat dem Zaren in Havelberg das Bernsteinzimmer geschenkt, der Zar dem Preußen dafür 55 Grenadiere, die „langen Kerls“ (mindestens 1,88 m groß). Menschenhandel?

Witzig: Zar und Kaiser sind gleichzeitig Postkartenautomaten. 2 Euro in den Orden an der Brust einwerfen, an der Jackentasche ziehen, Postkarte entnehmen.

Im Haus der Flüsse, einem sehr gelungenen Holzbau, erfahren wir mehr über die Renaturierung und den Lebensraum der unteren Havelniederung. Und auch, was für einen Vogel wir vermutlich gesehen haben: einen Seeadler!

Fontane:

“Ich bereise jetzt unsere märkisch-brandenburgische Heimat und durchstöbre (...) die alten Schlösser (...), dazu die kleinen märkischen Städte mit ihren Männern und ihren Erinnerungen.“ Fontane hoffte, so die märkische „Lokalität“, deren Reize weitgehend unentdeckt waren, „wie die Prinzessin im Märchen zu erlösen“.

Die Route des Havelradwegs führt zunächst entlang der Landstraße durch merkwürdig anmutende Orte. Es sieht nach vergessenem Osten aus, dieser besondere, grobe grau Putz, der abbröckelt. Männer, die sich noch nicht mal mehr ein Hemd oder T-Shirt leisten können und barbäuchig in der Sonne brutzeln, gerne mal ein Bier in der Hand. Sind das die märkischen Männer, die Fontane meinte? Hängen sie ihren Erinnerungen nach? 
Allein Garz ist sehr schön, auch wegen der Havelhöfe

Havelhöfe, Garz
Sehen einladend aus: die Havelhöfe in Garz

Tipp: Havelhöfe, havelhoefe.de

Dann werden die Radwege super. Es gibt Fahrradstraßen, echte Fahrradstraßen !!! mitten durch den Wald. Und drei Wegweiser mit dem Hinweis „Ein weites Feld“, ein Fontane-Zitat aus Effi Briest. Die führen mal in die eine, mal in die andere Richtung, vorbei an einem der letzten Nadelwehre Deutschlands. Was ein Nadelwehr genau ist, werden wir wahrscheinlich nie erfahren, weil wir keinen Schlenker fahren, um es zu besichtigen.

Radfahrerin, Schild, Havelradweg
Ein weites Feld: Das etwas zugewachsene Schild weist den Weg

Rathenow empfängt uns mit einer sehr langen Ausfallstraße, an der reichlich Autos verkauft werden und die quasi nahtlos durchs Stadtzentrum führt. Der „Optikpark“ hat leider schon geschlossen. Ansonsten gibt sich die „Stadt der Optik“ (Beiname auf dem Ortsschild) eher funktional. 
In der Pizzeria „Due Frateli“ bekommen wir einen Tisch für 30 Minuten – danach ist der reserviert und drinnen sitzen wollen wir nicht. Dass das in Pandemiezeiten überhaupt erlaubt ist!

Zelten an der Havel, Radtour Havelradweg
Wasser und Wiese: Der Biwakplatz in Mögelin ist perfekt!

Rathenow lassen wir hinter uns und steuern einen Biwakplatz in Mögelin an. Der ist ganz zauberhaft! M., der partout kein Wasser bei Netto kaufen wollte („kein Plastikflaschenwasser!“), sieht jetzt zu, wo er noch welches bekommt. Und ich sitze hier an der Havel im frischer werdenden Wind, während der Himmel sich zuzieht. Die anderen Camper (drei Zelte stehen außer unserem auf dem Platz) sind alle mit Kanus unterwegs.

Etappen-Info: Havelberg bis Mögelin, 65 Kilometer

Reisetagebuch, 3. Etappe: Fontane grüßt, Briest ist umgefallen

Die erste Begegnung mit Fontane: Der Wanderer grüßt uns im Park! Dazu ein halb verfallenes Schloss, eine gigantische Ziege, ein Campingplatz mitten in der Stadt – und natürlich Badestellen!

Bei Regen sind wir erst mal im Zelt geblieben. Das ging ganz wunderbar auf dem idyllischen Biwakplatz mit Havelblick. M. hat gestern noch ein kurzes Bad im Fluss genommen. Nur nachts waren die Frösche sehr laut. Ein gigantisches Froschkonzert! Wahrscheinlich durften auch sie während des Corona-Lockdowns nicht auftreten und haben jetzt Nachholbedarf.

Radtour, Havelradweg, Brandenburg
Fahrradstraßen im Wald: Der Havelradweg ist super!

Von Mögelin radeln wir überwiegend über Fahrradstraßen im Wald nach Premnitz. Dort mit der Fähre über die Havel (90 Cent pro Person mit Fahrrad). Die einzige Rohrweberei in Deutschland hat leider aus unbekanntem Grund geschlossen. Schade, die hätte ich mir gerne angesehen. M. bemerkt bei der Gelegenheit, dass er den Kameradeckel verloren hat.

Ortsschild Briest, Brandenburg
Ach, Effi! Aber vielleicht hat das umgefallene Ortsschild von Briest gar nicht mit Fontanes Romanfigur zu tun?

Weiter nach Briest. Hat der Ortsname mit „Effi Briest“ zu tun? Ich weiß es nicht, finde auch keinen Hinweis. Das Ortsschild liegt, umgeworfen oder umgefallen, im hüfthohen Unkraut am Straßenrand. Ach, Effi!
Weiter auf straßenbegleitenden Radwegen (finanziert mit EU-Fördergeldern, wie zahlreiche Schilder belegen) und Baustellen, immer an oder auf der Landstraße.
Dann: Vollsperrung. Kein Durchkommen. Bagger haben tiefe Gräben ausgehoben, daneben ist dichter Wald. Zu uns stößt ein älterer Herr in greller Jacke, an seinem E-Bike-Lenker ein Smartphone, aus dem Gerät dröhnt laute Musik. Schlager. Er wechselt ein paar Worte mit mir, stellt dann sein Rad ab und geht sich umsehen. M. checkt gerade die Baustelle. Ich stehe alleine mit dem Disco-Schlager-Rad da, eingehüllt in eine mächtige Schallwolke. Atemlos. „Dann tu‘s doch, wenn Du so stark bist, versuch‘s doch“ – so oder ähnlich der Liedtext, der uns begleitet, als wir nach einer Umleitung suchen. 
Eine weitere Radlerin schließt sich uns an, eine Dame, die die Tour Brandenburg (1100 km) fährt. M. routet die gesamte Gesellschaft geschickt um und führt uns wieder auf den richtigen Weg. Wir machen unterwegs an einem weiteren Biwakplatz halt – hinter einer Straußenfarm. Leider ist kein Eierverkauf in Sicht (hat Straußen-Schulze zu?). Die Biester sehen echt schräg aus, sind aber sehr schwer zu fotografieren.
 Wir picknicken, was wir mitgebracht oder im Supermarkt erbeutet haben.

Auf der Havel tuckern Hausboote vorbei, ab und an auch mal eine Motoryacht, ein Ruderboot, ein paar Kanus.

Hausboot auf der Havel
Mit dem Hausboot auf der Havel

Plauen ist der erste richtige „Fontaneort“ auf unserer Route. Hier hat Fontane oft seinen Freund Wiesike besucht. Es gibt sogar einen Fontane-Wanderweg, Die alte Brücke ist gesperrt, deshalb sehen wir nicht Wiesike Grab und seine Villa auf der anderen Havelseite.
Aber das Schloss, das einst „prächtige, einzig wahre Schloss“, von dem Fontane begeistert war. Die alte Pracht hält sich nur mühsam, der Putz bröckelt und aus dem Dach wächst seitlich gar eine Birke. Aber im Erdgeschoß werden in Sälen noch Feste gefeiert, dort ist eine Küche, und im Innenhof, so erzählt uns eine sehr freundliche, stark berlinernde Frau mit schicker Weste und Tattoo, soll heute noch ein großer Grillabend stattfinden. Außerplanmäßig. Und die Nebengebäude, die sind schon schick saniert.

Im 19 Hektar großen Landschaftspark treffen wir Fontane. Er ist recht klein, steht aber auf einem Sockel, die Hand zum Gruß am Hut, einen Fuß vor den anderen gesetzt, quasi im Vorbeigehen. Eine Hommage an den „Wanderer“ Fontane. 
Etwas weiter, viel größer, eine Art Galerie, eine weiße Abschussrampe zum Tontaubenschießen. Flankiert von Bär und Markhor (eine Schraubenziege, wie M. sofort googelt), ebenfalls riesenhaft, die der Graf Königsmarck im Himalaya schoss. Die echten natürlich, die hier sind aus Stein.

Wir umrunden den Plauer See, der an der Ostseite anders heißt, Breitlingsee nämlich, und M. geht baden. Das Wasser ist ihm viel zu flach und zu warm, sagt er, aber bei der Gelegenheit findet er den Kameradeckel wieder – in seiner Fahrradhose. Warum er das beim Fahren nicht gemerkt hat? Bedenklich!


Vorher passieren wir noch einen Ort, der anscheinend mit einer Pulverfabrik reich geworden ist: Kirchmöser. Die historischen Fabrikgebäude sind erhalten, die Wohnsiedlungen auch

Hinein nach Brandenburg an der Havel. Sehr breite Straßen, Straßenbahnen (Achtung bei den Schienen!) und eine historische Altstadt. Es sieht alles ein bisschen aus wie Berlin, nur viel kleiner. Mitten in der Stadt gibt es einen Campingplatz, nicht nur für Wohnmobile, auch für Zelte. Sieht aus wie ein altes Fabrikgelände, liegt direkt am Wasser. Der gelbe, schwimmende Kiosk hat leider schon geschlossen.

Tipp:

Campingplatz Wassersportzentrum Alte Feuerwache in Brandenburg an der Havel, wassersportzentrum-alte-feuerwache.de

Etappen-Info: Mögelin bis Brandenburg an der Havel, 57,8 Kilometer

 

Spaziergang durch Brandenburg an der Havel: 5 Kilometer. Dabei stoßen wir auf eine Gedenkstätte, „Euthanasie“, mit dem Grundriss einer Gaskammer, die mitten in der Stadt stand. Etwa 9000 Menschen wurden hier umgebracht.

Reistagebuch, 4. Etappe: Reste eines Klosters und wehrhafte Früchte

Kloster Lehnin, Havelland, Brandenburg
Der Kornspeicher von Kloster Lehnin – auch Fontane war beeindruckt

Morgens bei Kaffee und Tee entscheiden wir: Ja, wir fahren die Variante 2 des Fontane-Radweges über Kloster Lehnin (bei Regen). Fontane war beeindruckt, obwohl das Kloster schon zerstört war. Die romantische Verklärung des Mittelalters. Schön: Das UferCafé im Skulpturengarten am Klostersee. Mit Badestelle. Linsentopf „India“ und Käsekuchen schmecken sehr gut, die Gastgeberinnen wirken jedoch, als müssten sie sich erst wieder an Kundschaft gewöhnen.

Tipp: UferCafé im Skulpturengarten am Klostersee, kunstortlehnin.de

Kontemplative Regenfahrt durch den Wald. Leider auf Sandwegen. Das Routing ist nicht eindeutig.
 Kurz vor Werder stoßen wir auf „Die ganze Welt des Sanddorn“: Ein Erlebnis-Zentrum rund um die „Zitrone des Nordens“ (weil Sanddorn so viel Vitamin C enthält). Wir erfahren von der Frau an der Kasse, dass der Sanddorn eine Pfahlwurzel hat, die tief in den Boden reicht, man muss ihn nicht gießen. Die Ernte geht so: Zweige abschneiden, schockfrosten. Dann lassen sich die Früchte abziehen. Sanddorn hat sehr lange Dornen.

Sanddorn am Strauch
Sanddorn, "die Zitrone des Nordens"

Werder an der Havel – die „Blütenstadt“ – ist auch ohne die Obstblüte ein Schmuckkästchen, fein herausgeputzt zeigt sich die Altstadt auf der Insel. Wir gehen den „Inselrundweg“, durch Kopfsteinpflastergassen, vorbei an geduckten, hübschen Häusern, über den Marktplatz und fühlen uns dabei fast wie in Aeroskobing auf Aerö.

Beim Inder „Sagan“ bemerken wir, wie spät es schon ist – 19.30 Uhr. Die Fähre in Ketzin ist nur bis 20 Uhr in Betrieb, das schaffen wir nicht mehr. Auf den Weg machen wir uns trotzdem. Aber wo übernachten?

Die Strecke ist schön, ein toller, neuer Fahrradweg führt an der Havel entlang über weite Felder. Das, Fontane, ist mal ein weites Feld! Auf der Havel ankern Hausboote. Die Uferstelle, die für unser Zelt passend wäre, ist leider schon vom Auto eines Nachtanglers belegt. Wir stellen unser Zelt neben einen Rastplatz, Bänke und Tisch direkt am Weg. Vorteil: Weniger Mücken und die Gelegenheit, den Sanddorn-Wein unterm Sternenhimmel zu trinken. 12%, der knallt.
 Und der schmeckt! Ein wenig wie Grauburgunder, aber frischer.

Etappen-Info:

78 Kilometer, Fontane.Rad, Variante 2 und ein Teil Fontane.Rad, Etappe 7

Informationen zur Route FONTANE.RAD auf fontanerad.de

Reisetagebuch, Etappe 5

Es regnet. Es soll auch nicht wieder aufhören, sagt M.s Regenradar. Später soll es doch wieder aufhören. Und dann wieder nicht.
 Die Fähre nach Ketzin kostet für Rad plus Mensch 1,50 Euro, für Pferd und Reiter 2 Euro.

Nach Ketzin kommt Paretz. Hier wanderte Fontane. Um das Schloss herum liegen Musterbauernhöfe nach englischem Vorbild. Alles wunderhübsch angelegt. Fontane kam in ein Gewitter und hatte Glück - er fand Schutz und Herberge bei dem Schlossgärtner Wilken. Mit ihm hatte er sich viel zu erzählen, denn beider Männer Großväter arbeiteten für das Königspaar (Königin Luise, nach ihr ist auch der ansässige Reitstall benannt). Das war 1869, hundert Jahre vor meiner Geburt. Also: Fontanes Wanderung, nicht Königin Luise, die war noch früher.

Gärtnerhaus in Paretz, Brandenburg
Im Gärtnerhaus in Paretz fand Fontane bei einem Unwetter Unterschlupf

"In Paretz komme ich mir vor wie in einem anderen Jahrhundert."

Emilie Fontane

Wir haben nicht so viel Glück wie Fontane, finden keinen Unterschlupf und radeln im Regen weiter. 
Dem Fontaneradweg folgen wir nach Brieselang. Keine so gute Idee, was es dort zu sehen gibt, erschließt sich uns nicht. Außerdem ist die Strecke nicht gerade bestechend – sie führt uns teilweise auf große Straßen ohne Radweg, teilweise durch Neubaugebiete. So sind wir wenigstens gut informiert über die aktuellen Zaun- und Vorgartengestaltungstrends, Doppelstabmatten mit eingearbeitetem Plastik-Sichtschutz sind ganz weit vorn. Schottergärten sind noch sehr gefragt. Der Knüller; Gabionen-Pfosten (Gabionen sind Steine hinter Gittern, in Käfigen), dazwischen Doppelstabmatten mit Sichtschutz (Steinmotiv), dazu ein Schottergarten mit Schotterbergen, die von Mini-Gabionen gekrönt werden.

Nauen ist eine Ackerbürgerstadt, die Fachwerkhäuser der Altstadt haben breite Tore, hinter denen sich reizvolle Innenhöfe verbergen sollen. Doch leider sind die Tore alle geschlossen

Die Spur der Birnen: Mit dem Fontane-Ignoranten nach Ribbeck

Ribbeck im havelland, Birnendenkmal
Ribbeck im Regen – aber das Birnendenkmal glänzt sehr schön

Beim Picknick mittags unter Dach bei einer „Fahrradtankstelle“ mit Kapelle (was Kirchliches wohl) mit Mohnkuchen von Bäcker Thonke (hervorragend!) outet M. sich als Fontane-Ignorant. Er hat nie etwas von Fontane gelesen (und hat es auch nicht vor), noch nicht mal in der Schule kam „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ vor. Nichts. Null. Und es ist sehr schwierig, ihn dafür zu interessieren. Er möchte lieber Badestellen. Aber nur abends, mit Sonne, ohne Mücken, nicht zu flach. Sonst noch was?

"Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland … Fragt man auf der Straße jemanden nach einem Gedicht, ist es dieses, welches einem die Leute aufsagen."
Emilie Fontane

Als wir Ribbeck - DAS Ribbeck aus dem wohlberühmten Gedicht – erreichen, erreicht auch der Regen seinen Höhepunkt.
 Auf einer Weide flieht eine Gruppe Pferde vor zwei Männern. „Wir wollen denen nüscht Böses, die sollen nur zum Hufschmied“, versichert mir der eine. Daneben steht eine Gruppe schmutziger Kühe auf einem Schlammpaddock um eine sehr große Pfütze herum.

Info-Säulen halten uns auf. Ribbecks Frühgeschichte. Mir ist kalt, wir fahren etwas herum. Die Kirche, das Schloss, die Brennerei, das alte Waschhaus, die alte Schule (in beiden letzteren Gastronomie). Alles sehr nett anzusehen. Auf dem Kirchplatz eine goldene Birne auf einem silbernen Sockel, das passt farblich nicht so gut. Wo ist der Birnbaum? Da drüben steht ein kleines Bäumchen, davor ein Schild, Es ist ein Apfelbaum. Huch!

Schloss Ribbeck, Birnbaum, Birne
Vor Schloss Ribbeck: Endlich eine echte Birne!

Im Schlosspark dann eine Birnbaumreihe, aus jedem Bundesland ein Baum. Hamburg hat die „Conference“ beigesteuert. Die Gastro in der Alten Schule ist leer, das Lokal scheint gemieden zu werden. Hat im Netz auch nicht so gute Bewertungen, Eine Frau fragt mich nach dem alten Waschhaus, „da soll ein dolles Café drin sein“. Ich weise ihr den Weg. Das gucken wir uns später auch noch an. Die Außentische stehen allerdings nicht unter den Schirmen, sind also nass. Die Schirme dienen nur den Rauchern zum Schutz. Drinnen trägt - außer uns - niemand eine Maske. Kein Mundschutz, kein FFP2, nichts. Es ist eng, überdekoriert, aber man nimmt uns nicht wahr. Überall stehen leergegessene Kuchenteller herum. Nichts wird abgeräumt. Der Servicebegriff scheint in diesem Landstrich noch nicht sehr ausgeprägt. Es werden, wie zu erwarten, Birnenprodukte verkauft. Bei gutem Wetter muss Ribbeck eine touristische Goldgrube sein.
 Der „Ribbäcker“ – auf den hatte ich mich gefreut – bietet Picknick zum Mitnehmen an. Auf Vorbestellung. Aber zur Zeit hat er geschlossen, „wir kochen jetzt für Kitas und Schulen“, sagt der Mann, der etwas aus dem Auto auslädt. Ist eh kein Picknickwetter.

Sollen wir uns ein Zimmer nehmen? Aber wo?

Info:

„Genuss zum Mitnehmen in der Havelregion“ heißt die Aktion, bei der verschiedene Anbieter regionale Spezialitäten als Picknick in die Tüte packen.

Mehr dazu unter potsdamtourismus.de/genuss-zum-mitnehmen

Wir radeln Richtung Paulinenaue - ein Querstich, abwegig von der normalen Fontane-Radroute. Auf dem Weg liegt der Kinderbauernhof Marienhof. Ein paar Ponys, Ziegen, Kaninchen, Esel. Und Schweine, die sind beim Regen aber drinnen. Und Schäferwagen. Wir könnten einen haben, müssten aber zusätzlich 4x Bettwäsche bezahlen, weil die schon aufgezogen ist. Da stellen wir doch lieber das Zelt auf der Wiese auf. Die zuständige Dame ist sehr freundlich, aber echt schräg drauf. Was man ihr sagt, vergisst sie noch in derselben Sekunde. Drei Mal erzählen wir ihr, dass wir wirklich morgen wieder abreisen, ebenso oft verweigern wir das Frühstück. Das Abendessen nehmen wir an, aber ohne Fleisch. Sie würde uns ein Spiegelei braten, sagt sie. Das hat sie dann bei der Essensausgabe auch wieder vergessen. 
Immerhin, es gibt verkochte Kartoffeln mit Paprika in fragwürdiger Sauce und Salat mit sonderbarem Senfdressing. Aber es wärmt.


Am nächsten Morgen hat es aufgehört zu regnen. Schon sieht alles besser aus. Auf dem Kinderbauernhof ist Tierfütterung, die Schweine sind schon ganz aufgeregt. Sandige Steckdosennasen recken sich mir neugierig entgegen. Stolz trägt ein ausgewähltes Kind den Futtereimer.

Es ist ein kleines Paradies, in dem wir hier gelandet sind.

Schwein, Kinderbauernhof Marienhof
Schwein gehabt: Beim Kinderbauernhof dürfen wir zelten

Über die „Stille Pauline“, einen ausgebauten Bahntrassenradweg, geht es von Paulinenaue nach Fehrbellin.
 Da bleiben wir nicht lange, denn es wartet Neuruppin auf uns, die „Fontanestadt“. Diesen Titel trägt Neuruppin seit dem 100. Geburtstag des Dichters.

Etappen-Info:

Ketzin bis Ribbeck, 44,8 km

Fontane.Rad – Karte und Tourguide

Landkarte Fontane-Radweg, Brandenburg
Sehr hilfreich: Die Karte und der Tourguide mit den Etappen zum Fontane-Radweg. Mehr dazu auf fontanerad.de

Informationen über die Route:

Havel-Radweg, havelradweg.de

FONTANE.RAD, fontanerad.de

Informationen über die Region Havelland

auf dein-havelland.de und auf reiseland-brandenburg.de

 

Pin, Schloss Rheinsberg, Ruppiner Seenland, Radreise, Brandenburg