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Ab auf die Azoren: Inselurlaub auf Sao Miguel

Azurblaue Kraterseen, Wanderungen durch den Dschungel zu Wasserfällen und einem verlassenen Dorf, absolut unberechenbares Wetter, mit vulkanischer Hitze gegarte Eintöpfe, die einzigen Teeplantagen Europas und im wilden, weiten Meer drumherum jede Menge Wale und Delfine: das ist Sao Miguel, die größte Insel der Azoren

Inhalt:

1. Die Insel: brodelnder Reichtum

2. Das Wetter: ein Hoch auf den Azoren?

3. Die Azorianer: nur keine Hektik!

4. Der Tee: Plantagen mitten im Atlantik

5. Das Essen: very slow food, vulkanisch gegart

6. Der Terra Nostra Park: die ganze Welt in einem Garten

7. Vor der Küste: wo ist der Wal?

8. Wanderung zwischen Kratersee und Atlantik: Caldeira das Sete Cidades

9. Wanderung in Faial da Terra: ein Wasserfall im Urwald und ein verlassenes Dorf

10. Große Pläne: der Bürgermeister von Ribeira Grande und der Tourismus

11. Heiße Quelle: Caldeira Velha

12. Reisetipps Sao Miguel / Azoren

Hortensien, Nebel grüne Wiesen, alte Steinhäuser auf Sao Miguel, Azoren
Hortensien, Nebel und viel Grün: das ist typisch Sao Miguel

1. Die Insel: brodelnder Reichtum

Im 19. Jahrhundert war Charles Darwin zu Besuch. Er notierte: „Auf den Azoren gibt es nichts besonderes zu sehen.“ Da hat er sich geirrt.

Sao Miguel, die Hauptinsel der Azoren, ist zwar nur 745 Quadratkilometer groß und an der schmalsten Stelle 8 Kilometer breit, aber mit einem üppigen Reichtum an Wasser und Vegetation beschenkt. Die Landschaft ist ein Traum: waldige Gebirge, schroffe Steilküsten und gewaltige Kraterkessel mit stillen Seen sorgen für Dramatik, sanfte Hügel mit saftigen Wiesen und Hortensien am Straßenrand setzen liebliche Akzente. Die Nordküste ist herber als die Südküste. Die grüne Lunge der Insel ist Furnas, ein gewaltiger, bewohnter Krater. Hier gibt es die meisten Mineralquellen in ganz Europa, der lebendig brodelnde Vulkanismus hüllt Furnas in Dampf.

Vögel haben einst Pflanzensamen auf die Azoren gebracht, die hier auf fruchtbaren Boden fielen. Lorbeerwald war die ursprüngliche Vegetation. Doch was immer angebaut wird, wächst. Angeblich dreimal so schnell und wird dreimal so groß.

Von Nord nach Süd braucht man mit dem Auto ungefähr 30 Minuten, heute. Bis 1970 gab es nur Naturstraßen, ohne Asphalt, da hat alles etwas länger gedauert.

2. Das Wetter: Ein Hoch auf den Azoren?

„Die Azoren sind die Wetterküche für Europa,“ sagt Serafina, unsere Reiseleiterin. Wenn wir in Deutschland mit dem Azorenhoch glücklich sind, ist auf den Azoren ein Azorentief. Doch das Wetter ändert sich rasant schnell.

Ist dieses Grau, dass wir beim Aussteigen aus dem Flugzeug sehen, normal? „Nein“, sagt Serafina. „Aber: Wir haben seit einiger Zeit anderes Wetter. Die Erderwärmung ist seit ungefähr zwei, drei Jahren spürbar, es gibt mehr Regen, mehr Nebel, mehr Wind.“

Die Temperaturen sind mild, nachts um 16°C, tagsüber 23°C.

Das bedeutet: Man muss flexibel sein. Unbedingt eine Regenjacke dabei haben und das beste hoffen. Dann wird es ganz plötzlich richtig schön!

Über dem Urwald liegt der Nebel: Sao Miguel, Azoren
Über dem Urwald liegt schwer der Nebel

3. Die Azorianer: nur keine Hektik!

„Wir haben ein bisschen mehr Zeit. Alles dauert länger. Eigenes Tempo,“ lächelt Serafina. Es ist noch schön ruhig, die Hektik der Welt hat die abgelegenen Inseln noch nicht gefunden. Dem entspricht auch das Temperament der Azorianer: „Wenn es keine Lösung gibt, ist das die Lösung.“ Was man nicht ändern kann, kann man nicht ändern. Ist das Buddhismus? „Ich nenne es Vulkanismus“, sagt Serafina.

Apropos Vulkanismus: „Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen“, Serafina guckt ungewöhnlich ernst beim Abendessen. „Es gab vor 45 Minuten ein Erdbeben. Falls Freunde aus Deutschland also besorgte Nachrichten schicken, wundern Sie sich nicht.“ Wir haben nichts gemerkt.

Die „Menschengeschichte“ der Azoren begann vor etwa 600 Jahren, als die ersten Seefahrer anlandeten. Vorher gab es auf den Inseln nur ein paar wenige Tiere. „Das war ein komplizierter historischer Moment“, meint Serafina, erklärt aber nicht näher, warum.

Die Geschichte der Azoren ist eine Auswanderungsgeschichte, immer wieder zog es die Menschen weg von dem einsamen Archipel. Doch viele Siedler blieben, so mischten sich die Nationalitäten. „Unsere genetische Karte ist wie eine Weltkarte“, sagt Serafina. Heute leben etwa 240.000 Azorianer auf den Azoren und rund eine Millionen im Ausland.

Im 17. Jahrhundert gab es Auswanderungswellen nach Brasilien und nach Hawaii. 70 Prozent der Hawaiianer stammen ursprünglich von den Azoren, behauptet Serafina. Auch die Ukulele soll ursprünglich von hier stammen.

Reich wird man auf den Azoren eher nicht. Das Mindesteinkommen liegt bei 530 Euro im Monat, ein Polizist verdient etwa 950 Euro, ein Lehrer 980 Euro, ein Pfarrer 620 Euro, ein Arzt mit einigen Jahren Berufserfahrung im Staatskrankenhaus 1800 Euro. Wie kann man davon leben?

„Wir bezahlen keine Heizung“, sagt Serafina. „Die Entfernungen sind kurz, also brauchen wir weniger Benzin. Und die Busse sind günstig.“ Mieten dagegen sind vergleichsweise teuer: ein Häuschen mit 2 Schlafzimmern in Porto Delgado kostet 300 Euro im Monat.

Sao Miguel, Azoren: Azorianer servieren Cozido, vulkanisch gegart in den Caldeiras
Nur keine Hektik: Azorianer beim traditionellen Cozido-Picknick

4. Der Tee: Plantagen mitten im Atlantik

Die Temperaturen sind mild, nachts um 16°C, tagsüber 23°C. Das ist sehr angenehm für Tee – nicht unbedingt, um ihn zu trinken, sondern, um ihn anzubauen. Teepflanzen brauchen bedeckten Himmel, und den bekommen sie hier, mitten im Atlantik, zu Genüge.

Seit dem 18. Jahrhundert wird Tee auf Sao Miguel kultiviert. Die erste chinesische Teepflanze auf der Insel war allerdings die Zierpflanze einer reichen Familie.

Im 19. Jahrhundert kamen zwei Chinesen aus Macau, der letzten portugiesischen Kolonie, nach Sao Miguel und unterrichteten die Azorianer im Teeanbau. Das war dringend nötig, denn ein Pilzbefall beendete den Orangenanbau und es wurde nach Alternativen gesucht. Neben Tabak und Hopfen war Tee eine davon.

Und diese Alternative funktionierte hervorragend. 62 Plantagen gabe es zur Blütezeit allein auf der Hauptinsel Sao Miguel.

Auch die Teekultur ging von diesem einsamen Flecken mitten im Meer aus: Der 5 o’ Clock Tea ist ursprünglich eine portugiesische Tradition, erfunden von Prinzessin Katharina von Braganza. Sie war es, die den Tee überhaupt nach England brachte. „Cha“ heißt Tee auf Portugiesisch, und um eine Tasse Cha bat sie ihren Mann, Karl II.. „We don’t drink tea in England. But maybe some ale will do?“, soll er geantwortet haben. Doch sie ließ sich nicht mit Bier abspeisen. So wurde Tee bald in größeren Mengen in ihrer neuen Heimat eingeführt und dort zum bevorzugten Getränk der feinen Gesellschaft.

Zur Zeit gibt es nur noch zwei Teeplantagen auf Sao Miguel: Cha Gorreana und Cha Porto Formoso. Ungefähr 50 Tonnen Tee werden hier im Jahr noch geerntet und verarbeitet, mit uralten Maschinen – die älteste ist von 1823. Schädlinge haben die Pflanzen auf den Azoren nicht zu befürchten, deshalb kann der Tee auch nach hohen ökologischen Standards produziert werden.

Am allerbesten schmeckt er auf der Terrasse der Plantage, nach der Besichtigung der Produktion und mit Blick auf die wohlgeordneten, eckig geschnittenen langen Reihen der Teepflanzen. Sie werden durchschnittlich 90 Jahre alt. Das ist leicht vorstellbar, wenn man das Inseltempo verinnerlicht. Bloß keine Hektik, lieber abwarten und Tee trinken.

5. Das Essen: very slow food, vulkanisch gegart

Auf einer Wanderung um den Lagoa das Furnas gelangen wir zu den Caldeiras da Lagoa das Furnas, brodelnden Feldern in der Nähe des Sees.

Es dampft, riecht nach Schwefel, Autoreifen und angebranntem Popcorn. Ein Sicherheitsweg (also: ein Steg mit Geländer) führt über vulkanische Quellen. Magma direkt unter unseren Füßen. Wasserdampf steigt in dichten Schwaden auf.

Kleine Häufchen sind auf dem Feld aufgeschüttet und mit Schildern versehen, als Zeichen dafür, dass an der Stelle ein Topf vergraben ist. Denn diese Naturgewalt ist ein prima Backofen.

Das Rezept für einen „Cozido“ – den typisch azorianischen Eintopf – geht so:

Weißkohl, Rind, Schwein, Kartoffeln, Yams, Süßkartoffeln, Speck, Karotten, Grünkohl, Blutwurst und Chorizo werden in einen großen Topf geschichtet. Hauptsache, es ist viel Fleisch dabei, Gemüse spielt nur eine Nebenrolle. Kein Wasser dazu, das ist nicht nötig. Der Topf wird fest verschlossen, in Tücher eingewickelt und dann in einem Loch auf den Caldeiras vergraben. Den Ort mit einem Schild kennzeichnen und dann sechs bis acht Stunden warten.

Das ist auf Sao Miguel ein beliebter Familienausflug: Einen Kleinbus mieten, alle einpacken, 3,50 Euro für die „Beerdigung des Topfes“ zahlen, den Tag mit Baden und im Gras liegen verbringen, bei der Ausgrabungs-Zeremonie (durchgeführt von Gemeinde-Angestellten) „ah“ und „oh“ rufen, den schweren Topf (wiegt locker 50 Kilogramm) zur Picknickstelle transportieren, Schicht für Schicht herausheben, auf vielen Platten und Tellern servieren und ganz sicher sein: „Unser Cozido ist der beste!“ Das machen Familien hier zwei Mal im Jahr, mindestens, versichert uns Serafina.

Ich finde es ein bisschen schräg: Eintöpfe, die in einer potentiell tödlichen Naturgewalt vergraben werden. Wird hier nicht etwas ganz Mächtiges, Unberechenbares zur Funktion eines Küchengerätes degradiert?

Und diese extreme Fleischlastigkeit ist mir auch ein wenig unheimlich. Aber es schmeckt. Wir haben es schon gut, hier im „Blutwurstkrater“. Denn auch die beliebteste Vorspeise der Azoren – ohne sie wäre kein Mahl vollständig – wird uns natürlich serviert. Beim ersten Mal gucken wir noch verblüfft: Blutwurst mit Ananas? Ananas mit Blutwurst? Eine interessante Kombination. Schon irgendwie reizvoll. Ungewöhnlich. Aber in den Variationsmöglichkeiten doch eingeschränkt.

 

Das Essen, das wir auf Sao Miguel bekommen, ist sehr fleischlastig: Würste, Hähnchenschenkel, geschmortes Rindfleisch – wo ist das ganze Gemüse, das bei dem Klima doch so üppig gedeiht. Ich frage nach. Die Antwort: „Gemüse? Das ist Essen für arme Leute!“

 

Richtig glücklich werde ich  in den Fischrestaurants:

Im Restaurante Ponta do Garajau in Ribeira Quente werden uns plattenweise fangrische, gegrillte Fische aufgetischt.

Und in der Cantinho do Cais in Porto Formoso bekommen wir als Vorspeise warmen Tintenfischsalat und Saubohnen und als Hauptgang einen hervorragenden Fischeintopf mit Brot im Teller, serviert vom Chef Jorge – köstlich!

 

Tischkultur hat einen hohen Stellenwert in Portugal: selbstverständlich isst die Familie gemeinsam, sitzt zusammen, redet. Schon 1 ½ Stunden Mittagspause sind üblich, das Abendessen dauert viel länger. Und am Wochenende und an freien Tagen geht es raus zum Picknick – das ist den Azorianern das liebste. Überall auf der Insel stehen Picknickhütten (das Dach ist wichtig, es könnte ja jederzeit einen kleinen Schauer geben), einige mit Grills ausgestattet. Die Picknickvarianten sind groß: Bei den jungen Männern mit freiem Oberkörper reicht Bier aus dem Pick up-Truck (unter dem ein schläfriger Kampfhund Schatten sucht) und Fleisch, das auf den Grill geworfen wird, direkt an der Straße. Die Großfamilien treffen wir an langen Tafeln am Lagoa das Furnas beim Cozido. Und andere wiederum im Park – selbst bei dichtestem Nebel. Picknick geht immer!

6. Der Terra Nostra Park: die ganze Welt in einem Garten

Gleich am Eingang des Terra Nostra Parks in Furnas steht ein gigantischer Eisenholzbaum, Luftwurzeln hängen dicht von seinen Ästen. Sein Holz ist so dicht und schwer, es würde im Wasser untergehen. Thomas Hickling aus Boston, der damalige Konsul der Vereinigten Staaten, hat diesen Park im Jahr 1780 angelegt und dafür 850 Pflanzen eingeführt. 1930 wurde im Park ein Hotel gebaut – heute ein 4-Sterne-Haus.

„Die Pflanzen bei uns sind wie vergrößert, durch idealen Boden und ideales Klima“, sagt Serafina. Und: „Wir haben die Welt im Garten.“ Um uns herum wuchern Agapantus aus Australien, Palmen aus Afrika, riesige Strelizien, Ingwer. Ein Mann erntet gerade auf einem Feld Yamswurzeln, ein anderer sitzt unter einem Gingko-Baum und zeichnet. Die Blätter des Gingko sind übrigens gar keine Blätter, sondern Nadeln. 600 Arten von Kamelien geben sich ein Stelldichein, Rhododenron aus Papua Neuguinea gedeihen hier auch, ebenso wie Picconia Azorica, wegen des weißen Holzes auch „veganes Elfenbein“ genannt. Baumheide wird bis zu acht Meter hoch, Lorbeer hat dickere Blätter und aus Blaubeerbüschen werden richtige Bäume. Alles wird hier einfach größer.

Staunend bleiben wir vor einem See stehen, in dem es perlt wie in einem Sektglas. Vulkanische Luftblasen steigen an die Oberfläche des „Champagnersees“. Fledermäuse sausen durch die Luft, „die verrückten Fledermäuse der Azoren grinsen immer und fliegen schon ab 16 Uhr“, sagt Serafina.

Die eigentliche Attraktion des Parks ist aber das Thermalbecken: ein riesiges Schwefelbad, ein Jacuzi und Hydro-Massage. Alles fließendes therapeutisches Quellwasser. Ganz natürlich braun – zum Glück habe ich den dunklen Bikini an. Und herrlich warm. Heiß geradezu. Ich fühle mich ein bisschen wie ein Cozido, werde sanft gegart.

7. Vor der Küste: Wo ist der Wal?

Wer fürchtet, seekrank zu werden, soll Marmelade essen, richtet man uns beim Frühstück morgens um 7.30 Uhr aus. Marmelade sei ein Wort aus dem Französischen und hieß ursprünglich „Maria malade“ – Maria geht es schlecht. Es wäre also so eine Art Medizin. Ich kann der Argumentationskette nicht ganz folgen, esse aber, wie empfohlen, Marmelade. Das mache ich sonst nie, immer nur Müsli. Aber sonst fahre ich auch nie raus aufs Meer um Wale und Delfine zu beobachten. 2 ½ bis 3 Stunden im Schlauchboot – wer weiß, wie das wird.

Unser Skipper Miguel von Terra Azul in Villa Franco do Campo fängt direkt mit etwas Geschichte an:

Im 19. Jahrhundert – zur Zeit von Moby Dick – heuerten viele Azorianer auf amerikanischen Walfangbooten an. Sie wanderten aus, kamen aber wieder zurück, brachten Kapital und Wissen mit. Mit den neuartigen, 12 Meter langen Booten starteten sie ihre Fangzüge direkt von der Insel aus – Walfang war bis 1986 eine der wichtigsten Einnahmequellen von Sao Miguel.

Dann kam der Übergang: vom Walfang zur Walbeobachtung.

„Uns fehlte die Möglichkeit, diese Entwicklung zu erklären, deshalb haben wir eines der alten Walfangboote restaurieren lassen und machen auch damit Touren.“

Wichtig für uns ist Philipp: er sitzt in einem Beobachtungsturm an der Küste und schaut aufs Meer. Genaugenommen arbeitet er es nach einem bestimmten Raster ab, von Ost nach West, von aussen nach innen, markiert die Punkte, an denen er etwas gesehen hat und gibt diese Informationen dann weiter an das Boot. Was für ein Job: Den ganzen Tag aufs Meer starren, stets voll konzentriert, in der Hoffnung, dort ein paar springende Pünktchen zu entdecken. Oder eine Flosse. Oder auch nur verräterische Wellen. Immer nur gucken, gucken, gucken. Oft ist der Himmel verhangen, das Meer grau statt blau und meist eine Wolke im Weg.

Das Unternehmen Terra Azul entstand 2001 „aus dem Wunsch, etwas für die Gemeinschaft zu tun“, so Miguel. Und für den Umweltschutz, ganz grundlegend für das Verständnis der Menschen für die Natur. „You can’t love what you don’t know“, ergänzt seine Kollegin Stephanie und meint damit die Meeressäuger.

Der Anfang war entsprechend holprig. „Bei meiner ersten Tour hatte ich sechs Leute in Schwimmwesten an Bord und realisierte plötzlich: Ich weiß ja gar nichts über Wale und Delphine!“ Das hat sich geändert. Inzwischen arbeitet Terra Azul mit Universitäten zusammen, sammelt die Daten und Zeiten der Sichtungen zu Forschungszwecken, fotografiert die Finne der Tiere. 25 verschiedene Arten von Meeressäugern gibt es, Miguel hat 16 davon gesehen.

Wir ziehen Schwimmwesten an und setzen uns in ein Zodiac, also ein größeres Schlauchboot. Dann tuckert Miguel mit uns los, in die „Kinderstube“ der Wale, die praktischerweise direkt hier vor der Küste liegt. „80 Prozent ihrer Zeit verbringen Delfine mit Spielen und Liebe machen“, erzählt Miguel, während wir aufs Meer hinaus knattern. Es ist ganz schön wolkig. Er hält das Boot an einer anscheinend vielversprechenden Stelle an, es dümpelt vor sich hin, während wir auf Informationen von Philip aus dem Beobachtungsturm warten. Aber Phillip ist die Sicht versperrt. Wir fahren weiter, um eine vorgelagerte Insel mit einem natürlichen Meeresbecken herum – ein attraktiver Ort, um geschützt im Meer zu schwimmen.

Philipp meldet sich, er hat etwas gesehen. Miguel dreht ab und steuert die von Philipp gefunkten Koordinaten an. Dann hält er wieder, stellt den Motor ab und wir warten. Das Boot schwankt auf und ab und hin und her. Mir wird flau im Magen. Doch da, da ist etwas. Etwas, das aus dem Wasser hüpft und wieder eintaucht, in flachen Kurven, ganz geschmeidig. Da, noch mal. Delfine! Sie kurven ums Boot herum, tauchen darunter durch. Ich bin gebannt, fasziniert – aber mir ist schlecht. So diskret wie möglich versuche ich, mein Frühstück dem Meer zu übergeben, um die Tiere nicht zu verscheuchen. Aber das scheint die heitere Meeressäugergesellschaft nicht zu irritieren. Stephanie rät mir, die Jacke auszuziehen und zieht in einem Eimer Meerwasser an Bord, damit ich mir die Arme abkühlen kann. „Dir ist zu warm, das ist nicht gut“, sagt Stephanie. Die Delphine spielen munter weiter, hüpfen den Kameras meiner Kollegen vor die Linse. Nach etwa zehn Minuten ziehen sie ab, sich woanders amüsieren. Und mir geht es auch wieder besser. Marmelade zum Frühstück scheint nicht zu funktionieren. Auf dem Weg zurück zum Hafen sehen wir noch mal eine Gruppe, „Große Tümmler“, sagt Stephanie. Sie wirken etwas erwachsener, gesetzter als die kleineren „common Dolphins“.

Und wo sind die Wale? Heute mal nicht zu sehen. Die machen sich eh ein wenig rarer, sie sind ja auch nur auf der Durchreise. Wenn allerdings Wale auftauchen, dann oft in großen Gruppen. Oder es sind große Wale, wie Finn- oder Blauwale. „Auf den Touren sehen wir zu 45 Prozent Wale und zu 98 Prozent Delfine“, sagt Stephanie. „Und meist drei Arten pro Fahrt.“ – „Das ist kein Zoo, das ist wilde Natur“, ergänzt Miguel. Es bleibt das Risiko, auf einer Tour keinen Meeressäuger zu sehen. Aber dann gibt es das Geld zurück oder eine andere Tour. Wie wäre es mit „Schwimmen mit Delfinen“?

www.azoreswhalewatch.com

Wal-Schwanzflosse auf dem Dach von Terra Azul, Sao Miguel, Azoren
Da ist der Wal! Oder wenigstens die Schwanzflosse auf dem Dach von Terra Azul

8. Wanderung zwischen Kratersee und Atlantik: Caldeira das Sete Cidades

Um die mystische Landschaft der Caldeira das Sete Cidades und die beiden Seen darin ranken sich verschiedene Legenden von einer Prinzessin und ihrem wütenden Vater. In einer heißt es, der König dürfte seine Tochter 30 Jahre nicht sehen, hatte aber solche Sehnsucht, dass er es nicht abwarten konnte, woraufhin eine gewaltige Flutwelle sein Land mit sich riss und nur neun felsige Inselflecken – die Azoren – im Meer übrig blieben. Der Ort, an dem die Prinzessin gelebt hatte, verwandelte sich in die Caldeira das Sete Cidades, im grünen Lagoa Verde liegen ihre Pantoffeln, im blauen Lagoa Azul leuchtet ihr Hut vom Grund herauf. In der anderen Sage verliebt sich die Prinzessin in einen Hirten, der war natürlich nicht standesgemäß, der König verbot ihr den Umgang. Die Liebenden trafen sich ein letztes Mal und weinten dabei so sehr, dass sich zwei Seen bildeten. Der Lagoa Azul erinnert an die blauen Augen der unglücklichen Prinzessin, der Lagoa Verde an die grün leuchtenden Augen des Hirten. Die beiden sahen sich nie wieder.

Als wir zur Wanderung starten, zieht sich der Himmel zu, es beginnt zu nieseln. Regenjacken an, Kapuze auf. Dann wird es neblig. Der Regen hört auf, das Wasser bleibt einfach als dichte Wolke in der Luft stehen. Das macht nicht viel, der Weg ist zum Glück breit, es besteht keine Gefahr, davon abzukommen. Wir gehen hinein ins Nichts, lassen und verschlucken. Kilometer um Kilometer. Das sonst so wechselhafte Wetter der Azoren ist erstaunlich stabil. Auf dem Kraterkamm sind wir – angeblich – auf der einen Seite liegen die beiden Seen, auf der anderen die Atlantikküste. Hmm. Der Ausblick ist noch nicht mal zu erahnen. Weiter als bis zu den Trockensteinmauern am Wegrand reicht die Sicht nicht. Manchmal bimmeln Kuhglocken, einmal hören wir das Geräusch von Pferdehufen. Vielleicht ist das einer der berühmten reitenden Hirten, der mit Milchkannen rechts und links am Sattel unterwegs ist, um die Kühe zu melken. Die undurchdringliche Wolkenwand lässt die Fantasie Kapriolen schlagen. Gleich wird er im Galopp durch den Nebel brechen, der stolze Hirte auf seinem Schimmel, stelle ich mir vor, die Kühe stieben auseinander, und er wird seine Prinzessin wiederfinden, sie auf sein Pferd heben – ein furioses Happy End. Ich finde die Caldeira das Sete Cidades wunderschön, auch ohne sie gesehen zu haben. Einfach mystisch.

Wanderrouten auf

trails.visitazores.com/de/wanderwege-der-azoren/sao-miguel/vista-do-rei-sete-cidades

Nebel über der Caldeira das Sete Cidades, Sao Miguel, Azoren
Wanderung im Nebel

9. Wanderung in Faial da Terra: ein Wasserfall im Urwald und ein verlassenes Dorf

Dichter Nebel liegt über dem kleinen Ort Faial da Terra. Von hier aus starten wir die nächste Wanderung. Wir stapfen auf schmalen Wegen durch Lorbeerwälder und durch eine Landschaft, die aussieht wie ein Urwald. Würden gleich Gorillas aus dem Nebel auftauchen, es würde niemanden wundern. Die Wurzeln haben den meist gut befestigeten Weg an manchen Stellen aufgebrochen, es ist gut, richtige Wanderschuhe zu tragen. Über Felsenstufen geht es tiefer hinein in die Wildnis, einem Rauschen entgegen: Ein prächtiger Wasserfall donnert vor uns hinab. Perfekter Platz für eine Pause – allerdings nicht für ein Picknick, die Felsen sind nass.

Weiter zu einem verlassenen Dorf: Sanguinho. Die Vegetation hat die Ruinen erobert.

In den 1960er Jahren war das Leben auf der Insel nicht mehr attraktiv. Doch heute wird das verlassene Dorf wieder aufgebaut. Zwischen den Ruinen sind manche der Häuser schon wieder hergerichtet und bewohnt. Ferienhäuser soll es auch geben. „In fünf bis zehn Jahren wird hier alles voller Touristen sein“, schätzt Serafina optimistisch. Irgendwie sieht es nicht so aus. Mit dem Auto ist Sanguinho auch nicht erreichbar, Massentourismus ist also nicht zu befürchten.

10. Große Pläne: Der Bürgermeister von Ribeira Grande und der Tourismus

Ribeira Grande, die jüngste und zweitgrößte Gemeinde von Sao Miguel hat einen ebenfalls jungen Bürgermeister mit engagierten Plänen. „Wir wollen international bekannt werden“, sagt Alexandro Gaudencio, als er uns in seinem schmucken Bürgermeisterzimmer im Rathaus empfängt. An den Wänden sind Bilder aus bemalten Kacheln: Teepflückerinnen, Wäscherinnen, eine Reiter-Prozession. 32.000 Einwohner hat Ribeira Grande, verteilt auf 14 Orte. Die Hälfte der Einwohner ist unter 30 Jahre (der Bürgermeister immerhin schon 32). Jüngere Menschen will Gaudencio auch gerne als Touristen gewinnen. Die pure Natur, der Hauptgrund, die Azoren zu besuchen, reicht dafür nicht, das weiß er. Er lässt Mountainbike-Trails ausbauen, es wird Canyoning, Geocaching usw. angeboten. Und er setzt auf Events: ein Musikfestival (auch mit Bands aus Deutschland wie z.B. Gentleman), ein Ballonfestival („wie in Kappadokien), einen „Coulor-Run“. „Wir haben viel Potential“, sagt der Bürgermeister, „weil wir in der Mitte des Atlantiks liegen.“

Platz vor dem Rathaus in Ribeira Grande, Sao Miguel, Azoren
Der Platz vor dem Rathaus in Ribeira Grande

11. Heiße Quelle: Caldeira Velha

In wildromantischer Umgebung in der Nähe von Ribeira Grande liegt ein prächtiger Wasserfall, deren warmes, eisenhaltiges Wasser in einem Becken gestaut wird: eine traumhafte Badestelle! Das Wasserfall-Becken hat eine angenehme Temperatur von 28°C, unter Baumfarm verborgen gibt es noch ein zweites, kleineres Becken mit komfortablen 36°C. Hot Pot im Dschungel – herrlich, hier könnte ich bleiben.

12. Reisetipps Sao Miguel / Azoren:

„Die schöne Grüne im Atlantik“: Erlebnisreise nach Sao Miguel, 8 Tage, ab 1195 Euro mit Gebeco

www.gebeco.de/reisen/2A40003-Azoren-Portugal-8-Tage-Erlebnisreise

 

Hoteltipp:

Furnas Boutique Hotel – Hotelpool mit eigener heißer Quelle!

www.furnasboutiquehotel.com

 

Info:

Ich war auf Einladung von Gebeco im Juni 2016 eine Woche lang auf Sao Miguel. Vielen Dank für die tolle Reise!

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