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Australien: Storytelling, Punkt für Punkt

Kunst, die Geschichten erzählt: Ein Dot-Painting-Workshop mit Joanne von Maruku Arts am Uluru im roten Zentrum von Australien. Mein Online-Kontakt mit der ältesten Kultur der Welt

Dot Painting Bild in Arbeit
Bunt und bedeutungsvoll: Dot Painting – Punktmalerei (c) Tourism Australia

Es geht immer um Storytelling. In den digitalen Medien, in der Werbung oder wenn man von irgendjemandem Aufmerksamkeit möchte: Storytelling ist das Ding der Stunde.

Nun ist Storytelling eine ganz alte Sache. Das wird beim Dot Painting Workshop – live per Videoübertragung vom Uluru aus Australien – deutlich klar.

Dort ist die rund 60.000 Jahre alte aboriginal Kultur sehr lebendig. Es ist die älteste lebendige Kultur der Welt. Hier wurden schon immer mit Bildern Geschichten erzählt. Felsmalereien sind Bibliotheken und Lernorte.

Es ist eigentlich nicht korrekt, von einer einzigen Kultur zu sprechen. Es sind viele Kulturen. Die Geschichten werden in rund 250 verschiedenen Sprachen erzählt. Wer einen Eindruck vom Klang einiger dieser Sprachen haben möchte, hört sich die Songs von Shellie Morris (shelliemorris.net) an.

Die aboriginal culture zeigt sich nicht in großen Monumenten oder mächtigen Städten, es gibt keine Denkmäler als Zeitzeugen. Überhaupt gibt es kaum Materielles. Jede der Kulturen ist ganz sanft, eng verbunden mit der Natur und immer bedacht darauf, Mutter Erde zu schützen.

Erzähl Deine Geschichte!

Die Geschichten sind magisch, rätselhaft. Die Malereien bestehen aus einfachen Symbolen: Kreise für eine Lagerstätte, Fußspuren von Menschen und Tieren, gewellte Linien für Regen, für Wasser. Doch was dahinter steht, ist hochkompliziert: Dreamtime Stories beschreiben ein spirituelles Netz, in dem alles miteinander verknüpft ist. Gleichzeitig. Die Geschichten sind eng mit der Landschaft verbunden, über „Traumpfade“, die sich durch das ganze Land ziehen. Das Wissen darüber wird meist mündlich weitergegeben, über 3500 Generationen. Aber beim Erzählen wird auch in den Sand gemalt, Symbole in den Boden gedrückt, wieder glatt gewischt. Nicht alle Geschichten sind für jedes Ohr und Auge bestimmt. Vieles ist geheim. Und anderes wird zu Kunst.

Joanne kauert im Schneidersitz vor ihrer Leinwand auf dem goldorange leuchtenden, sandigen Boden. In der Ferne erhebt sich der Uluru, der gigantische, heilige Fels im „Red Center“ von Australien. Es ist so heiß, die Kamera, die ihr Kollege Shaun hält, fällt manchmal aus. Konzentriert taucht Joanne den Pinsel in die Farben, zieht Linien. Mit einem Holzstäbchen tupft sie Punkte. Joanne ist Künstlerin im Maruku Arts Center (maruku.com.au), einer gemeinnützigen Kunst- und Kunsthandwerksgenossenschaft, die vor 35 Jahren von den Anangu gegründet wurde. Heute gehören 900 Künstlerinnen und Künstler dazu, es gibt eine Galerie und Workshops.

Fels Uluru Australien Landschaft
Mächtiger, mysthischer Fels: Der Uluru in "Australias Red Center" (c) Tourism Australia

Ich öffne das Paket, das mir mit der Post geschickt wurde: mehrere Tuben Acrylfarbe, schwarzer Karton, zwei Pinsel und ein Informationsblatt. Darauf sind verschiedene Symbole abgedruckt, mitsamt ihrer Bedeutungen. Ein sitzender Mensch ist ein U – und die Gegenstände, die daneben liegen, verraten, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Der Mann hat Speere, die Frau eine Schüssel und einen Grabestab.

Joanne zeigt uns, wie wir mit dem Pinsel Linien ziehen und wie wir mit dem Pinselende oder einem feinen Stöckchen Punkte setzen können. Sie ermuntert uns, anzufangen – und unsere Geschichte zu erzählen. Vielleicht die Erinnerung an eine Reise nach Australien. Oder etwas Naheliegendes. Die Bilder und Geschichten sind oft eng mit den Landschaften verbunden. Ein Fels ist nicht immer nur ein Fels. Vielleicht ist er ein Wesen, ein Vorfahre, eine Gottheit. Vielleicht war er früher eine Schildkröte oder eine Schlange. Sie erzählt von sieben Schwestern, die von einem Mann verfolgt wurden. Die Schwestern wurden zu Sternen, sie leuchten am Himmel. So entkamen sie dem Mann. Doch er wurde auch zu einem Stern und strahlt heller. Doch dies ist nur eine von unzähligen Geschichten über die Sieben Schwestern.

Aber was ist meine Geschichte? Ich sehe mir die Symbole auf dem Infoblatt an. Konzentrische Kreise, das kann ein eine Wasserstelle sein oder auch ein Haus, ein Zuhause. Daheim bin ich gerade viel, wie jeder hier. Im Homeoffice. Linien können Verbindungen schaffen, Wege sein, vielleicht auch Straßen. In Hamburg hat es gestern geschneit. Die Stadt trägt weiß, das ist selten.

Punkt für Punkt entfaltet sich mein Bild. Ganz intuitiv. So ein Punktebild, das kann dauern. Geduldig tupfe ich mit dem Pinselstiel. Die anderen Teilnehmer des virtuellen Workshops sind auch dabei, ganz konzentriert, in Italien, Frankreich und Australien. Es fühlt sich meditativ an. Beruhigend.

Aus dem Sand an die Wand

Der Ursprung der Dot Painting-Technik geht auf den Kunstlehrer Geoffrey Bardon zurück. Er unterrichtete in den 1970er Jahren die Kinder im Ort Papunya und animierte seine Schüler, ein Wandgemälde mit traditionellen Dreamings zu malen. Das Ergebnis war großartig. Dann begannen auch die Erwachsenen auf permanenten Oberflächen zu malen. Mit einer kleinen Besonderheit: Um sicherzustellen, dass nur die Stammesangehörigen die rituelle Bedeutung der Bilder verstehen, abstrahierten die Maler ihre heiligen Symbole mit Punkten. Das sogenannte Dot Painting ist heute auch als Papunya Tula Art Movement bekannt. Zunächst waren die Gemälde nicht für den Verkauf bestimmt, doch heute sind die Werke begehrte Sammelobjekte.

Die Geschichte eines Bildes zu lesen ist schwierig. Eigentlich kann nur die Künstlerin sie richtig erzählen. Vielleicht haben die Nachbarn, die die Landschaft kennen, noch eine Ahnung, was gemeint sein könnte. Aber die Deutungshoheit liegt allein bei der Künstlerin. Sie erzählt die Geschichte. In lauter bunten Punkten. Jedes Bild repräsentiert einen besonderen Ort, eine individuelle Geschichte. Nicht jeder darf jede Geschichte malen – manche sind geheim. Aber die eigenen Geschichten zu erzählen, das geht. Auch zuhause, vor dem Bildschirm, mit etwas Karton, Farbe und Pinselstiel.

Storytelling, ganz einfach. Punkt für Punkt.

Dot Painting, Punktebild
Mein erstes Dot Painting: Hamburg im Schnee. Habe mit Erschrecken gelesen, dass sich rund zwei Millionen Menschen in Deutschland das heizen nicht leisten können – deshalb sind viele "Häuser" (Kreise) auf dem Bild weiß

Mehr „Aboriginal Experiences“ – Erfahrungen und Erlebnisse mit der ältesten lebendigen Kultur der Welt – gibt es hier auf dem Blog:

Australien: Kochen mit Mutter Erde

 

Mehr über Maruku Arts: maruku.com.au

 

DISCOVER ABORIGINAL EXPERIENCES
Seit 2018 gibt es die „Discover Aborignal Experiences Australia“, ein Kollektiv von Veranstaltern die Besuchern die älteste noch lebende Kultur der Welt durch Einblicke in deren Traditionen, Bräuche und spirituelle Verbindung zur Natur näherbringen. Auch die gemeinnützige Organisation Maruku Arts ist eine davon. Die Touren und Workshops werden von aboriginal people geleitet, die ihre persönlichen Erfahrungen und Geschichten über ihr Land teilen und damit Reisenden ein tieferes Verständnis von Australien vermitteln.

 

Reise-Inspirationen finden Sie auf der Website von Australien: australia.com

und ganz genau hier:

www.australia.com/de-de/things-to-do/aboriginal-australia/discover-aboriginal-experiences/art-and-museums.html

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