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Ein weites Feld: Mit dem Rad auf Fontanes Spuren im Havelland – Etappe 5

Es gibt ihn wirklich, Ribbeck, diesen legendären Fontane-Ort. Die Radtour durchs Havelland führt uns hin – aber wo ist der Birnbaum?

Birne, Ribbeck, Havelland, Mark Brandenburg
Ja, es gibt sie: Birnbäume in Ribbeck

Reisetagebuch, 5. Etappe: Mustergut Paretz und Ribbeck

Es regnet. Es soll auch nicht wieder aufhören, sagt M.s Regenradar. Später soll es doch wieder aufhören. Und dann wieder nicht.
 Die Fähre nach Ketzin kostet für Rad plus Mensch 1,50 Euro, für Pferd und Reiter 2 Euro.

Nach Ketzin kommt Paretz. Hier wanderte Fontane. Um das Schloss herum liegen Musterbauernhöfe nach englischem Vorbild. Alles wunderhübsch angelegt. Fontane kam in ein Gewitter und hatte Glück - er fand Schutz und Herberge bei dem Schlossgärtner Wilken. Mit ihm hatte er sich viel zu erzählen, denn beider Männer Großväter arbeiteten für das Königspaar (Königin Luise, nach ihr ist auch der ansässige Reitstall benannt). Das war 1869, hundert Jahre vor meiner Geburt. Also: Fontanes Wanderung, nicht Königin Luise, die war noch früher.

Paretz Schloss Schlossgärtner Wilken Fontane Havelland Brandenburg
Hier in Paretz fand Fontane Unterschlupf bei Schlossgärtner Wilken – wir leider nicht

Wir haben nicht so viel Glück wie Fontane, finden keinen Unterschlupf und radeln im Regen weiter. 
Dem Fontaneradweg folgen wir nach Brieselang. Keine so gute Idee, was es dort zu sehen gibt, erschließt sich uns nicht. Außerdem ist die Strecke nicht gerade bestechend – sie führt uns teilweise auf große Straßen ohne Radweg, teilweise durch Neubaugebiete. So sind wir wenigstens gut informiert über die aktuellen Zaun- und Vorgartengestaltungstrends, Doppelstabmatten mit eingearbeitetem Plastik-Sichtschutz sind ganz weit vorn. Schottergärten sind noch sehr gefragt. Der Knüller; Gabionen-Pfosten (Gabionen sind Steine hinter Gittern, in Käfigen), dazwischen Doppelstabmatten mit Sichtschutz (Steinmotiv), dazu ein Schottergarten mit Schotterbergen, die von Mini-Gabionen gekrönt werden.

Nauen ist eine Ackerbürgerstadt, die Fachwerkhäuser der Altstadt haben breite Tore, hinter denen sich reizvolle Innenhöfe verbergen sollen. Doch leider sind die Tore alle geschlossen.

Die Spur der Birnen: Mit dem Fontane-Ignoranten nach Ribbeck

Beim Picknick mittags unter Dach bei einer „Fahrradtankstelle“ mit Kapelle (was Kirchliches wohl) mit Mohnkuchen von Bäcker Thonke (hervorragend!) outet M. sich als Fontane-Ignorant. Er hat nie etwas von Fontane gelesen (und hat es auch nicht vor), noch nicht mal in der Schule kam „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ vor. Nichts. Null. Und es ist sehr schwierig, ihn dafür zu interessieren. Er möchte lieber Badestellen. Aber nur abends, mit Sonne, ohne Mücken, nicht zu flach. Sonst noch was?

Als wir Ribbeck - DAS Ribbeck aus dem wohlberühmten Gedicht – erreichen, erreicht auch der Regen seinen Höhepunkt.
 Auf einer Weide flieht eine Gruppe Pferde vor zwei Männern. „Wir wollen denen nüscht Böses, die sollen nur zum Hufschmied“, versichert mir der eine.
 Daneben steht eine Gruppe schmutziger Kühe auf einem Schlammpaddock um eine sehr große Pfütze herum.

Info-Säulen halten uns auf. Ribbecks Frühgeschichte. Mir ist kalt, wir fahren etwas herum. Die Kirche, das Schloss, die Brennerei, das alte Waschhaus, die alte Schule (in beiden letzteren Gastronomie). Alles sehr nett anzusehen. Auf dem Kirchplatz eine goldene Birne auf einem silbernen Sockel, das passt farblich nicht so gut. Wo ist der Birnbaum? Da drüben steht ein kleines Bäumchen, davor ein Schild, Es ist ein Apfelbaum. Huch!

Birne, Skulptur, Ribbeck, Havelland, Mark Brandenburg
Nicht alle Birnen in Ribbeck sind essbar

Im Schlosspark dann eine Birnbaumreihe, aus jedem Bundesland ein Baum. Hamburg hat die „Conference“ beigesteuert. Die Gastro in der Alten Schule ist leer, das Lokal scheint gemieden zu werden. Hat im Netz auch nicht so gute Bewertungen, Eine Frau fragt mich nach dem alten Waschhaus, „da soll ein dolles Café drin sein“. Ich weise ihr den Weg. Das gucken wir uns später auch noch an. Die Außentische stehen allerdings nicht unter den Schirmen, sind also nass. Die Schirme dienen nur den Rauchern zum Schutz. Drinnen trägt - außer uns - niemand eine Maske. Kein Mundschutz, kein FFP2, nichts. Es ist eng, überdekoriert, aber man nimmt uns nicht wahr. Überall stehen leergegessene Kuchenteller herum. Nichts wird abgeräumt. Der Servicebegriff scheint in diesem Landstrich noch nicht sehr ausgeprägt. Es werden, wie zu erwarten, Birnenprodukte verkauft. Bei gutem Wetter muss Ribbeck eine touristische Goldgrube sein.
 Der „Ribbäcker“ – auf den hatte ich mich gefreut – bietet Picknick zum Mitnehmen an. Auf Vorbestellung. Aber zur Zeit hat er geschlossen, „wir kochen jetzt für Kitas und Schulen“, sagt der Mann, der etwas aus dem Auto auslädt. Ist eh kein Picknickwetter.

Sollen wir uns ein Zimmer nehmen? Aber wo?

Info:

„Genuss zum Mitnehmen in der Havelregion“ heißt die Aktion, bei der verschiedene Anbieter regionale Spezialitäten als Picknick in die Tüte packen.

Mehr dazu unter potsdamtourismus.de/genuss-zum-mitnehmen

Wir radeln Richtung Paulinenaue - ein Querstich, abwegig von der normalen Fontane-Radroute. Auf dem Weg liegt der Kinderbauernhof Marienhof. Ein paar Ponys, Ziegen, Kaninchen, Esel. Und Schweine, die sind beim Regen aber drinnen. Und Schäferwagen. Wir könnten einen haben, müssten aber zusätzlich 4x Bettwäsche bezahlen, weil die schon aufgezogen ist. Da stellen wir doch lieber das Zelt auf der Wiese auf. Die zuständige Dame ist sehr freundlich, aber echt schräg drauf. Was man ihr sagt, vergisst sie noch in derselben Sekunde. Drei Mal erzählen wir ihr, dass wir wirklich morgen wieder abreisen, ebenso oft verweigern wir das Frühstück. Das Abendessen nehmen wir an, aber ohne Fleisch. Sie würde uns ein Spiegelei braten, sagt sie. Das hat sie dann bei der Essensausgabe auch wieder vergessen. 
Immerhin, es gibt verkochte Kartoffeln mit Paprika in fragwürdiger Sauce und Salat mit sonderbarem Senfdressing. Aber es wärmt.

Am nächsten Morgen hat es aufgehört zu regnen. Schon sieht alles besser aus. Auf dem Kinderbauernhof ist Tierfütterung, die Schweine sind schon ganz aufgeregt. Sandige Steckdosennasen recken sich mir neugierig entgegen. Stolz trägt ein ausgewähltes Kind den Futtereimer.


Es ist ein kleines Paradies, in dem wir hier gelandet sind.

Über die „Stille Pauline“, einen ausgebauten Bahntrassenradweg, geht es von Paulinenaue nach Fehrbellin.
Da bleiben wir nicht lange, denn es wartet Neuruppin auf uns, die „Fontanestadt“. Diesen Titel trägt Neuruppin seit dem 100. Geburtstag des Dichters.

Etappen-Info:

Ketzin bis Ribbeck, 44,8 km

Inormationen über die Route FONTANE.RAD auf fontanerad.de

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,

Ein Birnbaum in seinem Garten stand,

Und kam die goldene Herbsteszeit

Und die Birnen leuchteten weit und breit,

Da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,

Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,

Und kam in Pantinen ein Junge daher,

So rief er: »Junge, wiste 'ne Beer?«

Und kam ein Mädel, so rief er: »Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.«

 

So ging es viel Jahre, bis lobesam

Der von Ribbeck auf Ribbeck zu sterben kam.

Er fühlte sein Ende. 's war Herbsteszeit,

Wieder lachten die Birnen weit und breit,

Da sagte von Ribbeck: »Ich scheide nun ab.

Legt mir eine Birne mit ins Grab.«

Und drei Tage drauf, aus dem Doppeldachhaus,

Trugen von Ribbeck sie hinaus,

Alle Bauern und Büdner, mit Feiergesicht,

Sangen »Jesus meine Zuversicht«,

Und die Kinder klagten, das Herze schwer,

»He is dod nu. Wer giwt uns nu 'ne Beer?«

 

So klagten die Kinder. Das war nicht recht,

Ach, sie kannten den alten Ribbeck schlecht,

Der neue freilich, der knausert und spart,

Hält Park und Birnbaum strenge verwahrt,

Aber der alte, vorahnend schon

Und voll Mißtraun gegen den eigenen Sohn,

Der wußte genau, was damals er tat,

Als um eine Birn ins Grab er bat,

Und im dritten Jahr, aus dem stillen Haus,

Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

 

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,

Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,

Und in der goldenen Herbsteszeit

Leuchtet's wieder weit und breit.

Und kommt ein Jung übern Kirchhof her,

So flüstert's im Baume: »Wiste 'ne Beer?«

Und kommt ein Mädel, so flüstert's: »Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick gew di 'ne Birn.«

 

So spendet Segen noch immer die Hand

Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

 

Theodor Fontane (1889)

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